Buch :   DDR- Aufsatz  -
                                   "Lieder & Leute vor Ort"  -   1984 

Story:
Konzert in der DDR – Akademie der Künste -
                    Baier singt   >  "Lieder und Leute vor Ort" -

DDR- Dok.:
           "Lied und politische Bewegung" - 1984

Materialien der Arbeitstagung zum 30jährigen Bestehen des Arbeiterliedarchivs
an der Akademie der Künste der DDR - 13. - 15. Febr. 1984

cover 2 innen

Buch cover 1 Kopie

1984 –
ein Liedermacher aus Duisburg (Westdeutschland) bekommt eine Einladung zu einer Arbeitstagung und für ein Konzert in der „Akademie der Künste, DDR“.
Warum?

Das Buch „Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet“ Frank Baier / Detlev Puls -  S.Fischer-Verlag - Apr. 1981 –  verblüffte die Päpstin des „Politischen Liedes“ in der DDR – Inge Lammel mit dem Lied „ Es zog ein Rotgardist hinaus“ und die Autoren benannten auch den bis dahin unbekannten Autor des Textes : Johannes Leschinsky aus Oberhausen.
Der Bergarbeiter „Hannek“ (78 Jahre)  sang uns März 1980 bei der Veranstaltung  „60 Jahre Märzrevolution 1920“ im Ratskeller Hamborn  
seinen Text des Liedes „Es zog ein Rotgardist hinaus“ zum erstenmal  akapella – stehend – komplett mit allen sechs Strophen ( „meine Herren, … tief Atem holen, ich hab Staub…“)
Das war für uns in dem prall gefüllten Saal im Ratskeller Hamborn eine Bombe.
Uns standen die Nackenhaare hoch.
Johannes hatte sich am Abend vorher hingesetzt und die Strophen neu aus dem Kopf aufgeschrieben. Er war 17 Jahre, als ihm diese unglaublichen Ereignisse mit den Reichswehr- und Freikorp-Soldaten widerfuhren und vor seinen Augen - am Bahnhof Holten – Oberhausen -  der „Alte Muhs“ sein Grab ausschaufeln mußte und da reingeschossen wurde.
„Das hab ich schwer in meinem Kopf verarbeitet“ - Das Thema hat ihn sein ganzes Leben nicht mehr losgelassen.

Und jetzt steht der alte Mann da - stramm wie ein Soldat - und singt uns diese/ seine Hymne.
Das Buch „Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet“  hat Inge Lammel in ihr Archiv geschickt bekommen.  „Es  zog ein Rotgardist“ war Urbestand in dem
Großen Steinitz – demokratische Volkslieder aus 6 Jahrhunderten “ – aber
so wie im Steinitz war es  falsch.
Johannes fragte mich: „Frank, warum singst du das falsch? Das geht doch ganz anders. Ja, ich weiß das, das ist doch mein Lied.“ 
Also hab ich es von Hannek neu gelernt.
Und das wollte Inge Lammel doch so von dem Duisburger Sänger Frank Baier mal hören. und sie lud ihn zum 30-jährigen Bestehen des „Arbeitliedarchivs“ in der “Akademie der Künste der DDR” nach Berlin zu ihrer “Arbeitstagung” vom 13. – 15. Februar 1984 ein.


Das war nicht unbedingt einfach, zumal ich nicht nur Liedermacher und Archivar, sondern ein Beamter des gehobenen technischen Dienstes, also Staatsbeamter bin. Das ich seit 1979 auch noch auf dem Index des Westdeutschen Rundfunks - WDR Köln stehe,  machte das Ganze noch geschmackvoller.

Ich fahre also nach Berlin und klappe meinen Gitarrenkoffer auf, laß die Quetsche wimmern und sing -  im großen Hörsaal der Akademie und vor der ersten politischen Riege der DDR und der Spitze der FDJ  in der ersten Reihe - also knapp 10 m von mir entfernt - incl. Egon Krenz.

Ich hatte bereits vorher einen Aufsatz  an Inge Lammel geschickt:
als Beitrag in dem Dokumentations-Band (Heft 13) zum 30-jährigen Bestehen des „Arbeitliedarchivs“.
„Lieder und Leute vor Ort – Arbeitsweisen mit alten und neuen Liedern
aus dem Ruhrgebiet.“

Und daran hielt ich mich auch, das war mein Programm für das Konzert.
Und ich rede frei weg, wie ich es auch bei uns im Westen gemacht habe.
Ich erzähle die Geschichten von den Zechensiedlungen und den Kämpfen der Bewohner, den Liedern vor den Werktoren von bestreikten Betrieben, in besetzten Betrieben und Häusern. Singe im Wechsel alte und neue Lieder.
Material hatte ich satt und spannend genug – ich war in meinem Element und völlig angstfrei.  


Lied & politische Bewegung -
Materialien der Arbeitstagung zum 30jährigen Bestehen des Arbeiterliedarchivs
an der Akademie der Künste der DDR -   13. - 15. Februar 1984

Inhalte .  S. 3
s. 123 -       Frank Baier , Duisburg
                                          Lieder & Leute vor Ort  - Arbeitsweisen...

Inhalt S. 3 Kopie

                         

 

 

Marcel :        Kann weg:               Test: Hören

"Vonne Maloche" hören:

"Himmel an der Emscher" abspielen:

Jetzt das Lied "Runter vom Balkon" anhören:

Das Lied "Ruhrkohlegebiet" kannste hier hören:
 

 

Kohlengräberland

Kohlengräberland – Zeitmaschine

Lieder aus dem Ruhrgebiet 1889 – 1920 – 1967 – 2003

0          Intro März 2003

1          Als die Mieter frech geworden 1977

            Im Ruhrkohlengebiet 1904

2          Auf der Schwarzen Liste (H. Kämpchen) 1889

            Kohlengräberland

            Der Lohntag ist gekommen 1911

3         März 1920

            Der Kaiser hat in Sack gehau‘n (Oh Tannebaum) 1919

            Es braust ein Ruf wie Donnerhall 1919

            Im Ruhrgebiet da liegt ein Städtchen (trad.)

            Muhs-Lied (Johannes Leschinski) März 1920

4         Zeche Minister Stein 1925

            Der Ruhrkumpel spricht 1930

5          Mein Mann war Bergmann (Fasia Jansen) 1976

            Opa Weber (Frank Baier) 1974

            Lied der Bergleute 1967 (Werner Worschech) 1967

            Rheinpreußen ruft Alarm 1978

6         Bruckhausen-Walzer (Frank Baier) 1980

            Ausländerfragen 1984

            Ballade von der Auferstehung – Streikweilmacht Stahlstreik 1978/79

            Mit 35 Stunden geht‘s voran

7         Himmel an der Emscher 1982

            Söhne der Gastarbeita (SOG – Sons of Gastarbeita) 1996

            Über unsern Kohlenpott (Frank Baier/SOG) 2002

8         März Rap 1920 (Frank Baier/SOG) März 2003

0 Intro

Irgendwann werden wir es uns eingestehen müssen: Das, was wir unseren Kindern verschwiegen haben, war entscheidender, als das, was wir ihnen erzählen oder vermitteln wollten. Schon immer haben wir den Kindern Entscheidendes vorenthalten – egal ob zu Hause, in der Familie oder in den Schulbüchern. Wir haben ihnen unsere Vergangenheit, unsere Geschichte vermittelt - einseitig, von oben herab und von einer Angst geprägt – unserer Angst in ihren Augen versagt oder an entscheidender Stelle Entscheidungen getroffen zu haben, die weder elegant noch würdevoll waren. Wir haben Poli tik betrieben. Das letzte Mittel, Verhältnisse zu erzwingen – ob politisch oder familiär, ist Druck oder Gewalt – militärisch. Und die militärische Aktivität eines Staates ist Eingeständnis für seine Unfähigkeit – auch seine Lernunfähigkeit.

Wir arbeiten gerade an unserem CD-Projekt März 1920. Wir, die Gruppe Grenzgänger versuchen, ein verschollenes, nein – ein tabuisiertes Kapitel deutscher Geschichte zu begreifen und musikalisch umzusetzen: Kapp-Putsch oder die März-Revolution 1920 im Ruhrgebiet.

Und wir sitzen plötzlich in einer ,Zeitmaschine‘, die mit hoher Frequenz und Geschwindigkeit rast.

Ort: Duisburg, ehemalige Bergarbeiter-Kolonie Rheinpreußen-Siedlung, Zechenhaus (erbaut 1903).

Zeit: März 2003. Mitten in unserer Studioarbeit beginnt der Irak-Krieg.

Fragen über Fragen – Texte, Tonbandaufzeichnungen von Liedern (1920 gesungen und getextet von Arbeitern), Bücher, Archivmaterial, Mikrofone, Studiomaschine, Gitarren, Quetschen...

22. März 2003: NRZ: Irak im Bombenhagel, dazwischen: Nachrichten im Radio und im Fernsehen. Bilder von Bomben auf Bagdad. Die USA greifen den Irak an. Die Bundesregierung verärgert George W. Bush mit ihrem Unverständnis über diese Art von ,Kreuzzug‘ – ohne Beteiligung der UN.

Wäre Kanzler Schröder auch in Nichtwahlkampfzeiten zu dieser Entscheidung gekommen? ... und 1920 – Warum entscheidet sich eine SPD-Regierung (Kanzler Friedrich Ebert, Minister Noske), dieselben putschenden Offiziere, Freikorps- und Reichswehrsoldaten und eine ,Brigade Ehrhardt‘ – mit Hakenkreuz am Stahlhelm – die sie vorher aus Berlin verjagte haben (Kapp-Putsch), wieder einzusetzen. Mit einem Generalstreik wurde ,ihre' Regierung von den Arbeitern wieder erfolgreich in den Sattel gehoben. Und nun lassen sie die streikenden Arbeiter im Ruhrgebiet von denselben reaktionären Soldaten erschießen und erschlagen – massenweise, zu Hunderten? Warum? Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren? An wen wurde die Kontrolle abgegeben? Was hatte das mit 1933 zu tun?

Ich lese gerade Sebastian Haffner, Zitat: " [...] Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Hakenkreuz.
Es war das einzige, was der Kapp-Putsch Bleibendes hinterließ. Man sah es öfter in der nächsten Zeit [...]
. (Sebastian Haffner: „Geschichte eines Deutschen“)

Ganz nebenbei: Hatten die Amerikaner je den Mut, ihre Kids über die Entscheidung aufzuklären, warum sie zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen und hunderttausende Menschen getötet oder verstümmelt haben? An was glaubt George W. Bush, wenn er von einem göttlichen Auftrag redet, um seinen Feldzug gegen den Irak zu legitimieren? Oder war es eine Lüge? Oder hat er vom Baum der Erkenntnis gegessen, der ihn so weise sein lässt, um nach Belieben über Tod und Leben bestimmen zu können?

Die Bush-Administration bezeichnet sich selbst als ,Demokratische Imperialisten‘. Sind wir mittlerweile so dicht im Kopf, dass wir die Worte und ihre Bedeutung nicht mehr erkennen?

Die Zeitmaschine und unsere Köpfe laufen auf Hochtouren. Wir finden einen Text des Arbeiterdichters Johannes Leschinsky (geb. 1903)
in den O-Ton-Aufzeichnungen und vertonen diesen neu:

Wer zettelt denn immer die Kriege an – es sind doch immer die gleichen.
Doch nie war es der Arbeitsmann – es sind immer nur die Reichen.
Die gehen auch über Leichen.

 

Wann hat er diesen Text geschrieben, der da von seinem Kumpel Johann Grohnke zitiert wird?

Wann haben wir endlich den Mut, aus unseren Niederlagen zu lernen, die Widersprüchlichkeiten – in und um uns – nicht glatt zu bügeln, sondern anzuerkennen? Niederlagen nicht nur auf die Niederlage zu reduzieren, denn in fast jeder Niederlage stecken auch kleine Siege und- nicht zuletzt neue Einsichten, die helfen, den Kreislauf zu durchbrechen von völkischem Nationalismus, Rassismus, der Abwehr von Fremdem und den Militarismus – von gestern. Wir haben nach 1945 bereits Fortschritte gemacht. So bitter auch immer die Niederlagen waren, so verheerend ein Faschismus. Auch lohnen die Anstrengungen um ein erneuertes, ein kollektives Bewusstsein, das uns hilft, die Chancen für eine Weltgemeinschaft zu erkennen. Diese kann nur gelingen und existieren, wenn wir lernen zu teilen, mit allen- und nicht trennen. Wenn wir das begreifen ... Teilen heißt: Reicher werden an und durch die Anderen!

Die Geschichte von ,unten‘ sieht anders aus, sie wird uns nicht in den Geschichtsbüchern erzählt Gelehrte und Professoren beschreiben sie nicht, weil diese Widersprüchlichkeiten aufdeckt, die il1nen vielleicht fremd sind und in ihren Familien nicht thematisiert wurden. Oder verbietet ihnen so etwas ihre deformierte Wahrnehmung. Außerdem würden die Sponsoren diese Form von Wissenschaftlichkeit nicht bezahlen wollen, weil sie weder der Wirtschaft und der Industrie, noch den herrschenden politischen Machthabern in den Kram passt. Und Geld bestimmt den Medienmarkt – 1933 wie auch heute, 2003. Die Methoden der Meinungsbildung haben sich nicht verändert (Kirch zahlt H. Kohl Millionen für Berater-Vertrag – WAZ vom 14. April 2003).

„Wahre Worte sind nicht schön- und schöne Worte sind nicht wahr.“ (Lao Tse)

Wir belügen unsere Kinder immer noch. Wir erzählen unseren Kindern nicht immer die Wahrheit über unsere familiäre sowie unsere deutsche Vergangenheit, damit sie nicht erkennen, wie wir wirklich wurden, was wir sind. Und wir wissen es unterbewusst – unser ständiges schlechtes Gewissen und unsere Schuldgefühle verraten es.

Meine Tochter hat sich als 16-jährige für ihren Vater geschämt, weil er im Fernsehen nicht populäre Songs oder Liebeslieder gesungen hat, sondern ein Lied über die ,Schwarze Liste‘ (1889) von dem Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen. Und sie hat mich bei ihren Freunden verleugnet.

Auch da hat sich einiges verändert. Wir bezeichnen unsere ,Lieder aus dem Ruhrgebie‘ mittlerweile als ,Heimatlieder‘ und sie werden heute – nicht nur von Regionalisten – als ,Liebeslieder‘ für eine Region erkannt. Wir knüpfen beharrlich an ein traditionelles Liedgut an, um die Lieder rüber zu retten auf die andere Seite des F1usses, bevor sie uns entfremdet und tot gesungen werden – nach 1933.

„Davon erzählt kein dickes Buch, was sich am Lippeschloss zutrug (...]“,
sang uns Johann Grohnke über die ,März-Unruhen‘ 1920 im Ruhrgebiet

Wir singen über eine Geschichte von unten.
Lieder sollen und können Mut machen.

Denen, die sie hören – und auch denen die sie singen.

März 2003

1. Im Ruhrkohlengebiet

Als die Mieter frech geworden 1977

Im Ruhrkohlengebiet 1904

Es kann losgehen. Unsere Zeitreise kann beginnen.

Aber wir müssen zuerst ein kleines Stück zu Fuß gehen, bevor wir einsteigen in die Zeitmaschine.

2001

Ort: ehern. Zechenkolonie Rheinpreußen-Siedlung in Duisburg-Homberg. Wir laufen zwischen alten Bergarbeiterhäusern im Schatten von großen ca. hundert Jahre alten Platanen und hören schon von weitem mehrere Stimmen singen und lachen – auch Kinder sind dabei. Es ist Sommer. Wir haben Glück. Das Rheinpreußen-Straßenfest ist in vollem Gange.

Die Straße ist abgesperrt, Grillschwaden ziehen uns entgegen und jetzt hören wir gerade wieder den Refrain des Liedes mit: „simserirn sim sim und tätärä“ und dann wieder unter großen Gelächter: „wau wau wau“. Es soll zwar böse klingen, aber wenn wir jetzt die Gesichter erkennen, ist der Spaß dabei unverkennbar.
Jetzt beginnt wieder der Vorsänger:

"Als die Zechen und die Werke -wurden groß an Wuchs und Stärke.
So um die Jahrhundertwende brauchten sie Malocher Hände,
und sie bauten Häuser- Zechenherrn, der Konzern, Stahl- und Hüttenindustrie.

Und der gemischte Chor von Frauen, Männern und Kindern auf der Straße -
fällt in die letzte Zeile ein und singt wieder fröhlich lachend den Refrain:
"simserirn sim sim - tätärä tätä - wauwau wau wau"

"Und es kamen viel gelaufen, auch vom Osten ganze Haufen.
Du kriegst Arbeit und dein Häuschen, dafür bist du still wie Mäuschen,
dafür darfst du wohnen. Ha, das muß sich lohnen!
Für Herrn Thyssen und Herrn Krupp und den ganzen Wirtschafts-Club. Simserim ... tätärä.

Miete zahlen Generationen, weil sie nicht umsonst hier wohnen.
Und noch Basteln, Hämmern, Sägen – Lokus, Hof, bis hoch zur Schrägen.
Müssen selber reparieren! Alles selber Renovieren!
Für Salzgitter, Thyssen, Harpen- und die Ruhrkohle AG.
                              Simserim sim sim, tätärä tätä, wau wau

Text: Frank Baier  -  Melodie: trad., frei nach: Als die Römer ...

Da wird Geschichte nicht erzählt, sondern gesungen:
von den Menschen und den Zechenkolonien im Ruhrgebiet, da werden Namen genannt von den Stahlbaronen, den Siedlungshändlern und Spekulanten, die Geschichte von Wirtschaftskrise und Verkauf der Siedlungen gegen den Willen der Bewohner.

Das Lied heißt ,,A.Lr die Mieter frech geworden ... stoppten sie das Siedlungsmorden. Und an Ruhr und Emscher, wurden Mieter Kämpfer ... ".Ein ,Heimatlied', jeder kennt die Melodie und singt mit, auf "Als die Römer frech geworden ..."

Und wie sah es vor hundert Jahren genau an der gleichen Stelle aus? Und schon sitzen wir drin in der Zeitmaschine. Zu spät, ... hat schon abgehoben!

1904. Im Ruhrkohlengebiet

Wieder in einer Zechenkolonie.

Ein herzzerreißendes Gespräch zwischen Tochter und Vater, der mit finsterem Gesicht stumm in der Küche sitzt und brütet. Er ist gerade von der Zeche entlassen worden und weiß genau, was ihn erwartet! ... und die Tochter fragt:

„Wie, die Grube feiert? Auf wie lang?“

„Hier ertönt so bald kein Fäustelschlag. Geh das Dorf und geh das Land entlang ... Viele Tausend haben Feiertag.“ „Aber Vater, Deutschland braucht doch Kohlen! Kohle ist's, wovon die Arbeit lebt.“

„Was man braucht, wird man sich woanders holen! Weil sich so die Dividende hebt!“

 

Genau das ist der Punkt. Die Zeche macht dicht, die Leute sitzen auf der Straße und die Aktionäre freuen sich, weil die Dividende steigt. Für den Bergmann und seine Familie kommt es aber noch härter. Das System war damals bereits konsequent. Wurde der Arbeiter von der Zeche entlassen – egal aus welchen Gründen, dann musste er gleichzeitig, oft noch am gleichen Tag, auch das Zechenhäuschen räumen:

„Vater, sprich, was werden wir denn tun? Gibt es keine Rettung aus der Not?“ „Was uns bleibt? In acht Fuß Tiefe ruh'n, oder wandern um ein Bettelbrot!“ „Unser Häuschen, unser Garten ... sage!“

„Mädchen, des Verkäufers Hammer schwebt über allem Glück vergangener Tage. Weil sich so die Dividende hebt!“

„Gibt es keine Hilfe auf der Welt?“ „Das Gesetz gäb' uns die Hilfe schon.

Dräng die Kunde, die zum Himmel gellt, schnellen Schritts nur vor des Kaisers

Thron.

Sich, ich bin zu alt, um auszuwandern ... Wollt ihr seh‘n, wie sich‘s im Elend lebt. Legt mich vorher stille zu den andern. Weil sich so die Dividende hebt!“

Text: H. Sieglerschmidt

Musik: Frank Baier

Dass Hilfe vom Kaiser kommen könnte, stützt sich auf ein Ereignis beim Streik 1889, als eine Delegation der Ruhrkumpel nach Berlin reiste. Sie wurden vorgelassen und gehört – vom Kaiser, jedoch auch unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt: „Wir werden alles wohlwollend prüfen. Geht nach Hause. Geht an Eure Arbeit!“ Da waren sie sich einig. Sowohl der Kaiser wie auch die Werksbesitzer forderten von den Bergleuten Gehorsam und Unterwerfung. Was war da geschehen? Das sehen wir uns doch mal an.

2. Auf der Schwarzen Liste

Auf der Schwarzen Liste 1889

Kohlengräberland

Der Lohntag 1911

Am Anfang ist in den Liedern noch viel geklagt und gejammert worden – doch bereits um die Jahrhundertwende wurden die Arbeiter immer klarer und eher fordernder. Da war Kampf angesagt. In dem Lied Weckruf (1904) schreibt der Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen (1847-1912): „Mann der Berge, aufgewacht – ob in Stollen oder Schacht – eingehüllt von Pulverdampf – rüste dich zum Freiheitskampf]“ Und er schlägt seinen Kumpels unter Tage vor, mit dem Klagen aufzuhören: „ ... mach dich nicht zum Kinderspott – hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“

Wir steigen noch mal in die Zeitmaschine, und fahren bis 1889 vor. Wir wollen die lange Geschichte der drei großen Streiks im Ruhrgebiet (1889 – 1905 – 1912) miterleben. Was war geschehen? Was bringt einen Bergarbeiter dazu, einen Text zu schreiben wie:

Auf der Schwarzen Liste

Wohl lacht und lockt der junge Mai – es blüht und duftet um die Wette.
Ich taumle irren Sinns vorbei – geschleift an meiner Armut Kette.
Von allen Seiten grinst die Not – bedrückt mich und bedrängt mein Leben.
Umsonst hör ich den Ruf nach Brot – ich kann den meinen keins geben.

Refrain:
Dem, der auf der Liste steht – hilft kein Bitten kein Gebet.
Mögen Weib und Kind verhungern – er muß durch die Lande lungern.
Ohne Arbeit, ohne Geld – weil es so den Herrn gefällt.

Im Mai 1889 brach der erste große Streik im Ruhrgebiet los, sternförmig von der Essener Zeche Ernestine. 93.000 Bergleute des Ruhrbergbaus waren im Ausstand. Heinrich Kämpchen wurde von den Kumpels als Streikführer gewählt und als solcher erkannt und prompt gemaßregelt und von den Zechenherren auf die ,Schwarzen Listen‘ gesetzt. Er wurde somit schlagartig um seine beruflich Existenz gebracht.

Die letzte Krume ist verzehrt- der letzte Pfennig längst verschollen.
Und kalt und öde Heim und Herd - und Weib und Kind, die leben wollen.
Umsonst bin ich von Schacht zu Schacht- umhergeirrt in den Revieren,
ich habe keinen Trost gebracht – ich habe nichts mehr zu verlieren.

Refrain: Dem der auf der Liste steht ...

Text: Heinrich Kämpchen 1889
Musik: Frank Baier 1977

 

Wenn man den Bord-Computer in der Zeitmaschine auf dieses Lied anklickt, wirft der Datenträger sofort mehrere Textversionen aus, die ersten bereits 1891 in der Bergarbeiterzeitung veröffentlicht. Ebenfalls gibt es dazu zwei verschiedene Liedversionen ca. aus den Jahren 1977/78. Fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, haben zwei Ruhrgebiets-Ledermacher Werner Worschech und Frank Baier "Auf der Schwarzen Liste" vertont und gesungen – auch jeweils mit anderen Strophen. Es gab bis dato keine Kenntnis über eine Melodie dazu. Für beide Sänger war aber wichtig, diesen Text auch singen zu können. Frank Baier textet ein Zusatz-Strophe, in der er die Berufsverbote der Lehrer mit den Maßregelungen der Bergleute vergleicht – wenig später steht er selbst auf dem Index des WDR.

Zusatz-Strophe (1978):

Es droht und schimpft Demokratei – es kocht und brodelt um die Ecke
Was nützt uns Freiheit, die nicht frei – wo man nichts mehr zu sagen hätte.
Das Denken steht schon unter Straf‘ – was nicht genehm den Herren
Nur der in Schulen lehren darf – will er sich nie für nichts beschweren.
Refrain:
Dem der auf der Liste steht …

Musik und Zusatzstrophe: Frank Baier

„Die Not der Bergleute ist nur durch Kampf zu überwinden!“ sagte Heinrich Kämpchen 1892,
als es um die Gründung des Alten Verbands, der ersten Bergarbeiter-Gewerkschaft, ging.

Bevor wir abreisen, sollten wir noch einen Blick auf das Ruhrland im 19. Jahrhundert werfen: Eine gewachsene Heidelandschaft wird zunehmend von der Industrie zerstört. Die Menschen werden in völlig neue Lebens- und Arbeitsbedingungen gezwungen. Heinrich Kämpchen, ein sehr naturverbundener Mensch, will sich damit nicht abfinden. Er schreibt den Text:

Kohlengräberland

Schwarz von Kohlendampf die Luft – überall Gepoch und Hämmern.
Jeder Grube eine Gruft – um das Leben zu verdämmern.
Zwischendurch der Hütten Dunst – und die Glut von tausend Essen,
eine Riesenfeuersbrunst – nicht zu malen, nicht zu messen.

Graue Halden, dürr und kahl – Schlote, die zum Himmel ragen.
Menschenleiber, welk und fahl – die sich hasten, die sich plagen.
Sprecht vom Kohlengräberstand – oft mit klügelnder Gebärde.
Das ist Kohlengräberland! Das ist meine Heimaterde!

Text:   Heinrich Kämpeben
Musik: Wemer Worschech (1977)

Bei einem kurzen Blick in die Küche einer Bergarbeiterfamilie wird sofort klar, warum die Kumpel an der Ruhr nach dem zweiten Streik 1905 erneut zur Einigkeit gegen die Zechenherren für den dritten großen Streik im Ruhrbergbau aufrufen: Durch die große Zuwanderung von neuen Arbeitskräften aus dem Osten waren die Löhne ständig gesunken. Das Elend und die Armut in den Familien war so unerträglich geworden, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten.

Der Lohntag ist gekommen

Der Lohntag ist gekommen – die Bergarbeiterfrau,
das Jüngste auf dem Schoße – hält Löhnungs-Überschau.
Das ist für Pacht und Steuern – und das für Brand und Licht.
Für Brot das und Kartoffeln – und weiter kommt sie nicht.

Die Rechnung ist zu Ende – die Rechnung nicht, das Geld.
Dem Weibe aus den Händen – vor Schreck das Lohnbuch fällt.
Wo soll sie Fleisch hernehmen – und Milch und Öl und Schmalz?
Fehlt doch der Groschen selber – für eine Tüte Salz.

Und borgen? – O wie gerne! Doch das ist schon besorgt.
Der Händler gibt nichts weiter – sie hat sich ausgeborgt.
Was nun? Sie weiß es nimmer – in ihrer großen Not.
Der Lohntag ist gekommen – am liebsten wär sie tot.

Text:   Heinrich Kämpchen 1911
Musik:  Frank Baier 1977

Dieser Text wurde von Heinrich Kämpchen 1911 geschrieben, also ein Jahr vor seinem Tod.

Die „wohlwollenden Prüfungen der Beschwerden“ der Bergleute erwiesen sich als geschickte Hinhaltetaktik der Zechenherren. Die Lohnerhöhungen waren bescheiden. Auch der dritte große Streik im Ruhrgebiet 1912 brachte zwar Arbeitsausschüsse, aber nicht die geforderte Anerkennung der gewerkschaftlichen Vertretung der Arbeiter.

3. Im Ruhrgebiet da liegt ein Städtchen

Der Kaiser hat in Sack gehau'n     1919

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Im Ruhrgebiet da liegt ein Städtchen 1920

Muhs Lied

Wir stehen mitten in dem Hinterhof-Karree eines fünfstöckigen Mietskasernen-Blocks im Duisburger Norden. Wäsche hängt zum Trocknen aus. An einer Teppichstange hängt ein Schaukelseil und ein Junge baumelt bäuchlings darin. Ein paar Schritte von uns weg spielende Kinder, die Seilchen springen und auf den mit Kreide bemalten Hofplatten hinkeln und dabei singen. Es hört sich zuerst wie das Weihnachtslied an, aber sie singen es wie ein Spottlied. Beim näheren Hinhören erkennen wir auch den anderen Text:

Der Kaiser hat in Sack gehau‘n
Oh Tannebaum, oh Tannebaum, der Kaiser hat in‘ Sack gehau‘n.
Da kauft er sich ‘nen Henkelmann und Hingt bei Krupp als Dreher an.
Oh Tannebaum, oh Tannebaum – der Kaiser hat in‘ Sack gehau‘n!

Oh Tannebaum, oh Tannebaum, der Wilhelm hat in‘ Sack gehau‘n.
Auguste muß Kartoffeln stehl‘n, der Kronprinz muß Granaten dreh‘n
Oh Tannebaum, oh Tannebaum – der Wilhelm hat in‘ Sack gehau‘n!

Das haben sie zu Hause von den Eltern aufgeschnappt, wenn der Vater abends nach der Arbeit mit den Kumpels in der Küche sitzt und sie schadenfroh über die zusammengebrochene Monarchie herziehen und sich ausmalen, wie der Kaiser neben ihnen „auffe Maloche bei Krupp inne Pause den Henkelmann vonne Mutter leer löffelt“. Oder er jetzt endlich auch mal sein ,Fett abkriegt‘ und jetzt irgendwo bibbernd im Schweinestall sitzt, weil er auf der Flucht ist und gesucht wird. Pathetisch haben die bürgerlichen Fettsäcke abends beim Bier im ,Ratskeller' gemeinsam mit beurlaubten Soldaten gegrölt: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall ...“.

SOS

Und Spott ist jetzt die Retourkutsche der Hüttenarbeiter auf die Reaktionäre, wenn sie singen:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Es braust ein Ruf wie Donnerhall, es sitzt ein Mann im Schweinestall.
Der einstmals war von hohem Stand, und Wilhelm II. sich genannt.
Er floh nach Holland hin geschwind, mit Stab und Hofnarr, Weib und Kind.
Das nennt man Lieb' fürs Vaterland, wie er's im Krieg so oft genannt .
..

Nur ein Jahr später an gleicher Stelle im sogenannten ,Dichter-Viertel‘ von Duisburg-Hamborn, unweit vom Hamborner Ratshaus sitzen und liegen verwegene Gestalten neben ihrer Gewehrpyramide auf dem Hinterhof und warten auf einen alten Vorarbeiter aus der Hütte, der schon 1914/18 ihr Truppführer war. Die Frau hat ihnen noch eine heiße Kraftsuppe nach unten gebracht, die sie aus ihren Feldgeschirr löffeln und schlürfen. Ein paar nutzen noch die Pause und rauchen ihre selbst gedrehte Zigarette, die Schlägermütze weit in den Nacken geschoben. Noch wusste keiner von ihnen, was da auf sie zukommt. Nur eines wussten sie:

Wir lassen uns doch nicht verarschen! Zuerst helfen wir durch unseren Generalstreik der geflüchteten SPD-Regierung unter Friedrich Ebert wieder in den Sattel, und dann schicken diese Blödmänner in Berlin genau dieselben Reaktionäre, diese putschenden Freikorps-Offiziere mit ihren Truppen ins Ruhrrevier gegen die streikenden Arbeiter. Der Karl, unser Truppführer, is‘ kein Kommunist, so'n Quatsch. Der is‘ sogar in‘ne christliche Gewerkschaft. Und wir sind nirgendwo drin. Die wollen nicht Ruhe und Ordnung herstellen, die wollen was ganz anderes. Die wollen uns plattmachen.

Wir haben in Berlin ihre Entwaffnung gefordert, die sollen für den Putsch zur Verantwortung gezogen werden. ,Brigade Ehrhard‘, genau das waren sie in Berlin, Marinebrigade, Hakenkreuz am Stahlhelm, unter schwarzweiß-roten Fahnen marschiert. Die marschieren jetzt für Noske, gegen uns. Wir sind denen zu radikal hier im Revier, aber wir lassen uns nicht alles gefallen.

Wo et hingeht? Nach Wesel, da


Rotgardisten 1920

bei Hünxe. Da haben se unsere ,Ruhrarmee‘ gestoppt. Wir müssen jetzt los zum Rathaus wegen dem Transport mit den LKWs. Die holen uns da ab!

Am Rathaus Harnborn auf der Duisburger Straße geht nichts mehr. Hier ist der Sammelplatz der ,Roten Ruhrarmee‘. Die Rotgardisten springen auf die Lastwagen, sehr oft darunter gediente Soldaten aus dem 1. Weltkrieg, die ihre alte feldgraue Uniform wieder herausgesucht haben, mit einem Gewehr, ihrer einzigen militärischen Ausrüstung. Einige sitzen noch nebenan im Cafe mit ihren nägelbeschlagenen Schuhen und stärken sich mit einem Stück Kuchen, die Handgranate auf dem Tisch abgelegt.

Daneben ein Fräulein mit Lackschühchen, die zum gewohnten Nachmittagkaffee gekommen ist. Plötzlich ein Pfiff, der nächste Lastwagen poltert über das Kopfsteinpflaster. Die Soldaten, in ihrem Gemisch von Zivil- und Militärkleidung mit Hut oder Mütze, klettern über die Wehr auf die Ladefläche. Der Transport nach Hünxe bei Wesel musste zügig gehen, der Vormarsch der ,Roten Armee‘ gegen die Reichswehr war zum Stillstand gekommen.

Ein paar hocken noch an der Mauer des Rathauses oder liegen auf dem Bordstein mit einer Jacke unter dem Kopf und fangen erst an zu summen, dann später hören wir leider erst den letzten Refrain des alten Soldatenliedes aus dem 1. Weltkrieg heraus:

Weinet nicht, ihr lieben Mädchen, achweint euch nicht die Augen rot. Wir starben für die Freiheit den schönsten Heldentod!

Die Melodie war bekannt, die neuen Strophen hatten sich unter den Rotgardisten mittlerweile herumgesprochen.

Im Ruhrgebiet, da liegt ein Städtchen

Im Ruhrgebiet, da liegt ein Städtchen, das kennt ein jeder schon.

Und in diesem kleinem Städtchen liegt eine Garnison.

II: von lauter Rotgardisten - ein ganzes Bataillon :li

 

Im Jahre 1920, da brach der Kapp-Putsch aus.

Da zogen die Rotgardisten zu Tausenden hinaus.

Beim letzten Abschiednehmen, beim letzten Scheideblick, da riefen die vielen Mädchen: wann kehret ihr zurück?

 

Text: unbekannt

Viele Hunderte der Roten Ruhr Armee kehrten nicht wieder zurück. Gerade die Arbeiter im westlichen Ruhrgebiet erwiesen sich bei der Abwehr des Putsches durch die reaktionären Offizierskreise in Reichswehr und Freikorps als radikaler als ihre Kollegen im westlichen Teil. Sie lehnten die Abmachungen aus den Verhandlungen mit dem Reichskommissar Severing ab. Eine freiwillige Entwaffnung kam für sie nicht in Frage. Diese Spaltung der Arbeiter leitete die endgültige Niederlage ein. Der letzte Widerstand war gebrochen. Was nach dem Einmarsch der Reichswehreinheiten ins Ruhrgebiet geschah, wird bis heute in den Geschichtsbücher verschwiegen oder verfälscht. Bei ihren Racheaktionen nahmen die Freikorpsverbände Nazi-Methoden vorweg. Wehrlose Menschen wurden aus ihren Häusern gezerrt und kurzerhand erschossen, ihre Gesichter mit Kolbenschlägen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Besonders in den Arbeitersiedlungen wurde jetzt systematisch nach versprengten und geflüchteten Rotgardisten gesucht. Es wird ,gesäubert‘ – und denunziert von den Nachbarn.

Wir kriegen gerade mit, wie Kinder auf der Straße von den Freikorpssoldaten ausgefragt werden: „Dort hat sich ein Mann versteckt!“ und sie zeigen auf ein kleines Scheißhaus im Hinterhof. Der Mann wird rausgeholt und sofort an Ort und Stelle erschossen. Doch der 17-jährige Johannes versteht die Welt nicht mehr: „Der alte Muhs ist nicht mit zur Lippe-Front raus, sondern war zuhause in der Arbeiterwehr geblieben, hat also die Frauen und Kinder in der Siedlung geschützt. Der hatte doch selbst neun Kinder. Der war kein Kommunist, der war ein angesehener Bürger. Der wohnte doch nur 200 Meter weiter die Straße runter. Der Muhs ist denunziert worden. Den haben sie morgens aus dem Haus geholt und dann musste er sich sein eigenes Grab schaufeln.“ Johannes stand direkt in der Nähe dabei, als sie ihn erschossen haben. Das hat den Jungen so entsetzt und aufgewühlt, da hat er sich hingesetzt und auf die Melodie von dem bekannte Lied Der arme JVaisenbub einen Text geschrieben. So etwas konnte der ]ohannes Leschinsky. Er singt uns das Lied vor, alleine und ganz ernst und nachdenklich:

Muhs Lied

 

Es liegt ein Städtchen schmuck und klein- verschwiegen still am Niederrhein. Dort starb im Kampf für Recht und Brot – ein alter Rotgardist den Freiheitstod.

 

Ein Henkersknecht klopft bei ihm an: Steh auf, steh auf, Spartakusmann, Dein Leben ist dem Tod geweiht – du wirst erschossen, mach dich bereit.

 

Er schaufelt sich sein eigen Grab, er wendet sich verächtlich ab;

Ans Werk, ihr Henker, tut eure Pflicht, ein alter Rotgardist, der zittert nicht.

 

Schon schlagen seine Schergen an – fest steht der alte Spartakusmann:

Schießt gut, ihr Henker, hier stehe ich. Lebt wohl, ihr Brüder, und rächet mich!

 

Die Salve kracht, sein Auge bricht – so starb ein Mann für Recht und Pflicht. Ein trotzig Lachen um Aug‘ und Mund – so ging der alte, alte Muhs zugrund‘.

 

Schweigend brach die Nacht herein – man grub den stillen Schläfer ein. Nur der Mond, der schaut herab – und küßt ein einsam Rotgardistengrab.

Wir nennen sein Lied später das Muhslied


Text: Johannes Leschinsky (geb. 1903)

Und auch er wendet seinen Blick ab und wagt nicht, uns dabei anzusehen, während er singt. Diese Geschichte geht ihm heute noch nah und hat ihn geprägt.

4. Der Ruhrkumpel spricht

Zeche Minister Stein

Der Ruhrkumpel spricht 
1925

14% Dividende 1930

Unsere Zeitmaschine ist zehn Jahre nach vorne gefahren, das Jahres-Display zeigt: 1930. Von weitem sehen wir die drei, vier Musiker am Straßenrand auf uns zukommen. Sie humpeln am Bordstein lang, einen Fuß unten auf der Straße und einen oben auf dem Bürgersteig, während sie ein Marschlied spielen. Jetzt bleiben sie auf unserer Höhe stehen, hier fängt wieder ein Wohnblock an, den sie kennen. Die Kinder sind längst schon von den Hinterhöfen nach vorne gelaufen, als sie die Musik hören.

Bei dem Block müssen die Musiker und Sänger ein bisschen auf die Tränendrüse drücken, denn hier wohnen genügend alte Kumpels und Bergarbeiterwitwen, die ihre Groschen in ein Stück Zeitungspapier wickeln und runter auf die Straße werfen. Franz Matschy ist der heimliche Kapellmeister und einfach auch mit seinem massigen Körper und der Geige der Dominanteste. Die anderen sind alle Hungerhaken und etwas schüchtern. Franz hat das Kommando: Minister Stein raunt er in die Runde, und schon legt er einen vor und spielt erst mal mit seiner Geige alleine, bis die anderen alle drin sind. Der Kleine mit seinem umgehängten Bandoneon ist noch frisch und darf nicht so laut spielen, der soll mit den Bässen den %-Takt halten. Und schon legte der Lange wie ein Bänkelsänger los und wiegt seinen Körper dabei im Takt und die Kumpels singen den Refrain mit, dass es schaurig schön bis zu den obersten Fenstern zu hören ist:

Zeche Minister Stein

 

1925 - ach das war ein Unglücksjahr,

II: 136 Knappen- warcn's am 11. Februar. :Il

 

Nah bei Dortmund liegt eine Zeche – die sich nennt Minister Stein

II: Drinnen fuhren früh am Morgen viele brave Knappen ein. :II

 

Und die schwarzen Diamanten – kämpften sie ans Tageslicht.

II: Keiner von den Kumpels ahnte – daß es sei die letzte Schicht. :II

 

Kaum eine Stunde war vergangen – da, mit einmal war es Schluß.

Manche volle Kohlewagen – war der letzte Abschiedsgruß.

 

Durch die Strecke kam der Steiger – nur die Leuchte war zu sehn.

II: Seinen Kam'mden "Glück auf' zu sagen-als das Unglück war gescheh'n :Il

 

Rettet euch, Brüder, wir sind verloren- rettet euch, Brüder aus der Not.

II: Schlagende Wetter sind ausgebrochen -schlagende Wetter sind unser Tod. :II

 

Doch die Aktien steigen weiter - grad als müßte das so sein. II: Trotz der 136 Toten -auf der Zeche Minister Stein. :II

Text und Melodie: unbekannt

Wir haben das Lied inzwischen auch in dem Bordcomputer gefunden, der zeigte sofort mehrere Text-Variationen an. Die, die wir gerade hörten war eine mündliche Überlieferung von einem alten Kumpel aus Recklinghausen, der Jacob Veith hieß. Vor allem in der letzten Strophe, wer denn Schuld an diesem Unglück sei, da gab es die verwegensten Vermutungen und Beschuldigungen: von den Kapitalisten und Treibern, Ausbeutern bis zu den Aktionären. Auch die Steiger kriegten ihr Fett weg.

Jetzt müssten die Sänger eigentlich noch einen drauflegen, so gut hat ihnen heute das Bänkellied selber gefallen. Hier würde genau das Lied 14% Dividende hinpassen, um noch mehr die Gefühle bei den Zuhörern anzusprechen. Der Text ist ganz neu von einem Viktor Kalinowski, der eine Notiz in der Deutschen Bergwerks-Zeitung gelesen hat, dass das große Unglück auf der Zeche Anna bei Alsdorf auf die Dividende ohne Einfluss bleiben dürfte.

Die schrieben doch glatt: „Die 14% Dividende ist bis zum Jahre 1942 garantiert!“ Darüber ist unter den Kumpel heftig debattiert worden und der Kalinowski hat dann den Text geschrieben und an die Bänkelsänger weitergegeben. „Singt dat, dat muß anne Öffentlichkeit! Die Kumpels sterben unter Tage, und die Schweine und die Aktionäre machen noch'n Schnitt dabei!“ Aber dann sieht der Franz nach oben in die verweinten Augen ,von den Mütterkes am Fenster‘ und entscheidet sich anders. „Wir singen ...“

Ruhrkumpel spricht

 

Glückauf, Glückauf! Der Ruhrkumpel spricht

DreißigJahre lang hab ich Kohle gebrochen.

Über Tag, unter Tag, bei Tag und bei Nacht.

Ich bin auf dem Bauch durch die Stollen gekrochen für dich doch, oh Herr, für dich dort im Schacht!

 

Glückauf, Glückauf! Der Ruhrkumpel spricht: DreißigJahre lang bin ich Kuli gewesen.

Über Tag, unter Tag, bei Tag und bei Nacht. Habe Gold aus dem Dreck unserer Erde gelesen und habe, oh Herr, es treu dir gebracht!

 

Glückauf, Glückauf! Der Ruhrkumpel spricht: Dreißigjahre lang hast du mich beschissen.,

über Tag, unter Tag, bei Tag und bei Nacht.

Und dann hast du mich raus auf die Straße geschmissen! Und das hast, oh Herr, du recht so gemacht!

Und dann hast du mich raus auf die Straße geschmissen! Weil ich nicht, oh Herr, es mit dir so gemacht!

„Franz, von wem ist das Lied vom ,Ruhrkumpel‘?“ „Keine Ahnung, wo das herkommt. Anonym, oder so. Ein Kumpel hat das aus Berlin mitgebracht. Ich weiß nur, der Ernst Busch soll das gesungen haben. Auf einer Demonstration wurde das zum ersten Mal gehört: Glück auf, der Ruhrkumpel spricht. Überall spielen die Bergkapellen am 1. Mai: Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt' – und alles singt feucht fröhlich mit und den Zechenherren gefallt das sehr. Dann hat Busch irgendwoher den anderen Text bekommen und ihn als Parodie auf das schmalzige Traditions-Lied mal kurz aus der Sicht des Ruhrkumpels gesungen, also schon mit der anderen Melodie.“

5. Mein Mann war Bergmann

Mein Mann war Bergmann 1976

Opa Weber 1974

Lied der Bergarbeiter 1967

Rheinpreußen ruft Alarm 1979

1967 Zechensterben im Ruhrgebiet

Unsere Zeitmaschine steht in einer Zechenkolonie in Oberhausen-Sterkrade. Wir können durch das Fenster in die Wohnküche sehen: Mehrere Frauen sitzen um den Tisch herum, die sehr ernst und angeregt reden, eine Frau weint. Das kleine Tonbandgerät und ein Mikrofon mitten auf dem Tisch wird von den Frauen kaum beachtet, nur eine etwas jüngere, dunkelhäutige Frau schaut ab und zu auf den Tonpegel und schreibt ihre Notizen mit und fragt zwischendurch die Frauen.

Fasia ist eine Liedersängerin aus dem Ruhrgebiet, aus Oberhausen. Sie besucht die Frauen von Bergarbeitern, die gerade ihren Arbeitsplatz verloren haben. Sie hatte zum erstenmal gehört, dass ein Bergmann Selbstmord begangen hat, weil er aus dem Pütt geschmissen wurde und nicht mehr einfahren konnte.

So entsteht ihr neues Lied Mein Mann darf jetzt in den Schacht nicht mehr rein.

Einige Sätze und Äußerungen aus den vielen Gesprächen hat Fasia fast wörtlich so in ihrem Lied übernommen, " [...] weil ich es klarer und besser nicht hätte schreiben können." sagt Fasia, bevor sie uns die ersten Fragmente des Liedes vorsingt: „Die Frauen sind doch die wirklich Betroffenen. Sie haben die Kinder, sie müssen wirtschaften und mit dem Geld auskommen. Wer soll denn den Text, das Lied machen? Die Frauen haben ganz andere Sorgen.“

Mein Mann darf jetzt in den Schacht nicht mehr rein

 

Mein Mann darf jetzt in den Schacht nicht mehr rein

Wir können es noch nicht fassen:

Er hat dort malocht, seine Lunge wird Stein.

Fast zwanzig Jahre fuhr er dort ein,

jetzt liegt er auf der Straße.

 

In der Zechensiedlung wohnen wir noch,

wir zahlten die Miete bis heute.

Mein Mann bringt jetzt weniger Geld mit nach Haus,

Und wenn wir nicht zahlen, dann fliegen wir raus.

Was sind das bloß für Leute.

 

Jetzt bemerken wir es auch – der Text ist fast wie ein Protokoll des Gesprächs mit den Bergarbeiterfrauen. Eine der Frauen klagte, sie könne ihrem Mann nur noch Eintopf vorsetzen „[...] und der brauch' doch wat zwischen de Rippen untertage!“ und eine andere meinte: „Und die Schönrederei im Fernsehen abends, das klingt manchmal wie Hohn.“

 

Nur ein Topf steht noch auf unserem Herd.

Was essen die Herren dort oben?

Am Abend der Kanzler im Femseh‘n erklärt

Wie das Wirtschaftswunder zu Tal mit uns fahrt.

Der Zechenherr zählt die Millionen.

 

Heut schlagen sie uns und morgen auch die,

Die sich für Sozialpartner halten.

Traut nicht den Männem der Großindustrie,

Denn wir sind wir – und die sind die!

Daran müssen wir uns halten

Text und Musik: Fasia Jansen

Doch die Ratlosigkeit schlägt plötzlich um. Durch das Abladen ihres Kummers in der Runde können sie wieder nach vorne sehen und werden sogar forsch. „Die sollen sich mal warm anziehen bei den nächsten Wahlen. Von den Sprüchen, die die da kloppen, haben wir jetzt genug.“

1974

Auf einer Wiese zwischen den Hochhäusern inDuisburg-Hochheide sehen wir eine Schar Kinder um einen Mann mit einer Gitarre sitzen und sie reden über den ,traurigen‘ Opa, der da oben im 20. Stockwerk wohnt.

Opa W. hatte ihnen einem ,Zettel‘ mitgegeben und sie haben Lebensmittel für ihn eingekauft, weil der Aufzug kaputt ist und er die Treppen nicht mehr steigen kann. Jetzt ist auch noch seine Frau krank geworden und in ein Pflegeheim gekommen. „Als wir noch in der Siedlung gewohnt haben, da war er viel lustiger. Und wir Kinder konnten auch mit ihm viel besser spielen. Manchmal weint er. Ja, das haben wir gesehen. Warum haben die nur unsere alten, schönen Häuser abgerissen? Für uns Kinder und die alten Leute ist das am schlimmsten, oder?“ Und schon standen auf dem Blatt die ersten Zeilen für den Refrain:

Refrain:

Opa Weber meinte: das ist hart, Mann, muß das denn so sein? Bist du alt, stehst du allein. Bist du schwach – bist du klein. Man drückt dich einfach an die Wand.

 

Und dann haben sie einfach nur die Geschichte von Opa Weber weitererzählt und der Liedermacher hat es aufgeschrieben und daraus die Verse gemacht

Opa Weber

 

Er hat in diesem Haus gewohnt- und mußte einfach gehen.

Was hat der alte Mann geflucht - ich habe nach dem Grund gesucht,

warum er sauer war ...

 

Refrain:

Opa Weber meinte: das ist hart, Mann, muß das denn so sein?

Bist du alt, stehst du allein. Bist du schwach, bist du klein.

Man drückt dich einfach an die Wand.

 

Was der Bagger mit alten Häusern macht – das nennt die Stadt: Sanieren.

Man reißt hier Haus und Garten ab – und baut ne neue Hochhaus-Stadt,

weil das mehr Miete bringt ...

Opa Weber meinte: das ist hart, Mann, muß das denn so sein?

...

Oh, was hat da meine Frau geweint- wir wollten lieber sterben.

Sie sitzt jetzt im Altersheim – und ich im Zimmer ganz allein

denn die Rente war zu knapp ...

Opa Weber meinte: das ist hart, Mann, muß das denn so sein?

...

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, der geht sonst langsam ein.

Wie öde ist die Hochhausstadt, weil man hier keinen Freund mehr hat,

keine Tauben, keinen Garten. ...

Refrain:

Opa Weber meinte: das ist hart, Mann, muß das denn so sein?

Bist du alt, stehst du allein. Bist du schwach, bist du klein.

Man drückt dich einfach an die Wand.

Das muß nicht sein.

Text und Musik: Frank Baier

1979.

Die Zeitmaschine steht wieder in einer Zechenkolonie in Gelsenkirchen.

Auch hier macht gerade ein Pütt dicht und gleichzeitig droht der Verkauf der Zechenhäusern an eine Bank. Die Leute treffen sich in einem besetzten Haus in der. Küche, um zu beraten. Die Türe geht stürmisch auf und ein junger Mann mit einem Gitarrenkoffer in der Hand steht im Raum und grüßt die Runde. Werner Worschech, ein Liedermacher des Ruhrgebiets, wusste von dem Gespräch der Frauen und Männer in der Kolonie und ist dazugestoßen.

Das war mittlerweile ein Brauch der Sänger im Ruhrgebiet da wo es brannte auch oft im Rudel aufzutauchen und den Betroffenen durch ihre Lieder Mut zu machen. Werner hatte gerade ein Lied vertont und fertig. Eine engagierte Autorin hatte diesen Text geschrieben: Lied der Bergarbeiter 1967.

Das Thema lag in der Luft, lag fast auf der Straße, egal ob in Bottrop, Gelsenkirchen oder Oberhausen. Man brauchte es nur einzufangen – also richtig hinhören und umsetzen in ein Lied. Werner klappt den Gitarrenkoffer auf, setzt sich auf die Küchenbank zwischen die Frauen und stimmt kurz sein Instrument durch. „Hört mal, die Elisabeth Wigger hat das ziemlich gut auf den Punkt gekriegt Ich sing Euch dat mal vor:“

Wir haben eurem Wort vertraut: „Bergbau tut not!“

Wir haben Kohle abgebaut – Kohle schafft Brot.

Das soll auf einmal gar nichts sein, bei uns ist zwei und zwei noch immer vier.

Wenn ihr euch auch verrechnet habt – die Zeche zahlen wir.

„Fasia, dat können wir doch am nächsten Freitag auch auf der Kundgebung von der IG Bergbau singen, oder? Den‘ machen wir Feuer unterm Arsch! O.k., ich sing erst mal weiter.“

Ihr habt in Gruben investiert – viel Kapital.

Gewinne habt ihr einkassiert – gar nicht so schmal.

Doch viel bedeutet nicht genug, bei uns ist zwei und zwei noch immer vier.

Wenn ihr euch auch verrechnet habt – die Zeche zahlen wir.

 

Der Bergbau ist nicht interessant – ihr seid ja hell.

Im Öl habt ihr schon euere Hand – ihr schaltet schnell.

Vom Öl erhofft ihr euer Heil, bei uns ist zwei und zwei noch immer vier.

Wenn ihr euch auch verrechnet habt – die Zeche zahlen wir.

 

Vielleicht po munt

Dann bleibt uns keine andere Wahl - Kohle schafft Brot.

Die Zeche wir dann riesengroß, bei uns ist zwei und zwei noch immer vier.

Wenn ihr euch auch verrechnet habt- die Zeche zahlen wir.

Text: 
Elisabeth Wigger
Musik: Werner Warschech

Noch unter dem Eindruck des Liedes platzt er sofort los: „Sas hat die vor 10, 12 Jahren gesagt – also geschrieben. Und jetzt ist es genau so gekommen! Dat muss man sich mal vorstellen!“ meint Werner ganz aufgeregt.

1979

Jetzt steht die Zeitmaschine auf dem Platz vor alten historischen Gebäuden mitten in Duisburg. Rechts von uns sehen wir die Türme der alten Salvatorkirche im Dunkeln. Es ist kalt. Vor dem Rathaus stehen ganz vielen Menschen, z.T. mit Teetassen in der Hand. Wir gehen etwas näher heran zwischen die Leute. Was ist das? Ein Volksfest? Gerade hat ein Sänger mit einer Baskenmütze direkt vor der alten Rathaustüre ein Lied gesungen, das alle kannten. Links von ihm eine Gruppe von Musikern mit Gitarren und Saxophon. Und auf der rechten Seite sehen wir jetzt auch ca. fünf, sechs Frauen mit ihren Mützen, dick eingepackt in Decken und Schlafsäcken auf ihren Campingliegen. Daneben steht ein feiner Herr mit einem Kontrabass und eine Frau mit Wuschelhaaren und dicker Jacke und einem Akkordeon. Ah, da ist sie wieder. Fasia besucht ,ihre‘ Frauen aus der Rheinpreußensiedlung.

„Was hat der da gerade gesungen?“ „Das ist ein Liedermacher aus der Schweiz, Ernst Born soll der heißen. Der hat gerade ‘Und weil der Mensch ein Mensch ist‘ gesungen, mit einem neuen Text für die Hungerstreikenden ...“

12. Februar 1979

Hungerstreik der Bewohner der Rheinpreußen-Siedlung auf den Duisburger Rathaustreppen – nun schon seit zwölf Tagen und Nächten. Einige Männer sitzen auf Stühlen neben den Frauen auf den Liegen. Eine Ärztin misst gerade den Blutdruck bei einem älteren Mann. Überall stehen große Thermoskannen rum. Und ein riesiger Haufen Koks liegt direkt vor die breite Rathaustreppe gekippt. Die Stahlstreiker von Thyssen haben aus Solidarität mit den Hungerstreikern eine Kokstonne mitgebracht und auch sofort angeheizt, damit die Hungerstreiker sich richtig schön die Hände und den Rücken daran wärmen können. Plötzlich schiebt sich ein resoluter Mann mit Brille und Baskenmütze durch das Publikum nach vorne auf die Treppe und redet kurz mit einem bärbeißigem, vollbärtigem Typen in schwarzer Lederjacke.

„]au, Richard, mach dad“ Richard Limpert, ein Arbeiterdichter, hält seinen Zettel hoch und ruft sehr bestimmend nach unten: „So, Leute, jetzt seit mal still! Also ich hab da, h.Ll!Z bevor ich von Gelsenkirchen hier rübber kam zu den Rheinpreußenleuten, so'n Text geschrieben. Dat is also mein ,Solidaritätslied' für Frank Baier, Richard Limpert, Fasia Jansen: Hungerstreik 1979.

die Hungerstreiker. Und ich hab dat so geschrieben, dat der Frank hier, oder die Fasia sich ma auffe Socken machen, und da en toftes Lied draus wird. Ich les' euch dat jetzt mal vor. Ich bin erkältet, also seit jetzt ruhig da hinten ..." Und er liest:

Ich hab ne tofte Wohnung – nichts lockt mich mehr hinaus.

der Schnupfen zwingt zur Schonung – drum bleibe ich zu Haus'.

II: Die Ruhe ist mir teuer - der Bildschirm flimmert bald,

im Ofen brennt das Feuer- und draußen ist es kalt. :Il

Ich lieg' auf meiner Liege- Rheinpreußen ruft Alarm. Das Fell von einer Ziege - hält mir die Nieren warm.

II: Ein Flugblatt läßt mich wissen - der Siedlung droht Gefahr.

Der Mieter wird beschissen -wie es schon öfter war. :II

Die Menschen, die dort wohnen - die setzen sich zur Wehr. Noch mehr Profit für Drohnen - die scheffeln immer mehr. II: Die Hungerstreiket frieren – für Wohnrecht und Erhalt. Auch Frauen demonstrieren – am Rathaus ist es kalt. :II

Fasia steht neben Frank und summt. Fasia summt immer. Plötzlich neigt sie sich rüber und raunt:

"Ey, ho.. rsse;.>" "No" , wat mal.ll.Ze.;l" "Ja,.h"orsse ru.ch:.> Et'·n Bo.m ben r.st g .ar;;;IeInI

Vom Hannes dat Lied." ... und Richard liest

Ich muß zur Rathauspforte – noch ist es nicht zu spät. Was nutzen große Worte– von Solidarität,

mit einem warmen Hintern - bei fünfundzwanzig Grad

am Ofen überwintern - ist Arbeiterverrat

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Jetzt hör' ich was Fasia meint. Das Lied haben wir doch immer beim Ostermarsch gesungen, das ist doch Fasias Lied mit dem Text von Bannes Stütz, wenn sie vorne weg marschiert mit ihrer Gitarre.

Gemeinsam woll'n wir zeigen- wir stehen Frau und Mann.

1-Iier darf kein Bürger schweigen - das geht uns alle an.

Die Herren Geschäftemacher- die kennen nur den Profit.

Den I-laus- und Menschenschacher- den machen wir nicht mit.

Text Richard Lirnpert

Melodie frei nach: "Ein Bomben ist gefallen" von 1-Iannes Stütz

"Los, Frank, hol mal deine Ukulele, dat wird jetzt sofort gesungen! Richard, du Schlingel, hasse den Text auf den Bannes sein Lied getextet? Also Leute, hört mal, wir können das Lied hier sofort singen - und zwar alle. Ihr kennt das auch. Ein Bomben ist gefallen ist doch unser Ostermarschlied, und der Text von Richard passt da genau drauf. Also, Richard, halt jetzt mal dein Blatt, wir wollen wat sehen!"

Hungerstreik 1979 vor dem Rathaus Duisburg.

Ein Lied ist geboren: Rheinpreußen mft Alam;- aus dem Stand. Fasia singt es mit ihrer Gitarre, Walter Kurowski spielt den Bass, Frank's Ukulele wimmert, die Gitarren-Freaks oben setzen ein und die Leute unten singen die Wiederholung - als Refrain. Strophe für Strophe tasten sich die Sänger und Sängerin durch und singen es abwechselnd.

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Die Kokstonne glüht, ein neuer Kessel Tee ist fertig und wird ausgeschenkt- Frank's Geburtstag auf den Rathaustreppen 1979.

... und die Geschichte von Rheinpreußen ruft Alarm scheint noch nicht ganz zu Ende zu sein. Unter ,Textvarianten' zeigt uns der Bordcomputer zu dem Lied plötzlich völlig verwirrende Landekoordinaten der Zeitmaschine mit Längen- und Breitengraden an, die nicht hier in der Region Ruhrgebiet sein können. Wir klicken ,suchen' an und machen einen Zeitsprung von ca. vier Jahren und einen riesigen Ortsprung bis auf die andere Seite von Afrika – ,Südlicher Wendekreis' auf eine große Insel im Indischen Ozean: Madagaskar.

Januar 1983

Unsere Zeitmaschine steht jetzt vor dem ,Cinema Kanto' in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar.

Wir lesen die Plakate am Eingang in französischer Sprache "Dans le cadre du centenaire des relation germano-malgaches". Aha, ein Konzert, qa sind Musiker draufl

100 Jahre deutsch-madega.ssisdJe Be ehungen mit Frank Baier - Rossy- Tsolonina. Hier läuft gerade ein kulturelles Spektakel in dem riesigen, fast 900-sitzigem Kino mit Empore, bis auf den letzten Platz gefüllt. Der letzte Teil des über vierstündigen Konzertes hat bereits begonnen. Die Höhepunkte sind sicherlich für alle die zwei- und dreisprachigen Lieder der Gruppen. Frank Baier und die Gruppe Tselonina haben gerade die deutsche Version des Volks-Hits der Sängerin

und Geigerin Mireille Asa i.ry iscry unter großem Beifall ausklingen lassen. Die Gruppe

Plakat Cinema Kanto. Madagaskar 1983.

Rossy kommt auf die Bühne und schon bei den ersten Takten und Sätzen reagieren die Madegassen oben auf den Rängen mit starkem Zwischenapplaus und Rufen - Rossy's neues Lied.

Dann singt der Deutsche die nächste Strophe in deutscher Sprache und die Madegassen reagieren ähnlich, als würden sie die Worte von Rheinpreußen nift Alarm verstehen - tosender Applaus und Zwischenrufe jetzt auch von unten. Rossy hatte auf das Lied neu die Geschichte eines Reisbauernkollektivs getextet, das sich wegen der schlechten Produktionsbedingw1gen zur Wehr setzt und später eine eigene Genossenschaft gründete. Das Lied wurde abwechselnd in deutsch und madegassicher Sprache gesungen. Erst nach der Moderation von Armin Kerker erfahren die Leute im Saal, dass Frank Baier eine ganz

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andere Geschichte, also über den Hungerstreik der Bewohner einer Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet gesungen hat. Die Madegassen haben zwar keine Zechenkolonien, um die gekämpft werden musste, aber das Lied war trotzdem ein Knaller für sie, weil es um den Kampf der kleineq Leute, der Arbeiter, und um Solidarität ging. Damit konnten die Madegassen nach ihrer Revolution 1972 ganz viel anfangen und sich identifizieren.

Rheinpreußen ruß Alam1 auf madegassisch sollte sogar ein Jahr später bei

dem Besuch der Gruppe Rossy in der Rheinpreußensiedlung zu hören sein.

6. Bruckhausen Walzer

Bruckhausen Walzer 1978

Ausländerfragen

Ballade von der A uferstehung - Streikweihnacht

Mit 35 Stunden geht's voran Januar 1979

Wo sind wir denn hier gelandet?

Wir lassen erst mal eine riesige Qualmwolke wegziehen, um überhaupt sehen zu können, wo wir sind. Riechen kann man es schon, jetzt bloß nicht sprechen oder gar einatmen. Automatisch geht die Hand vor die Nase und der Blick in die Richtung, woher der Dreck kommt

Eine riesige Kulisse von Schornsteinen, Türmen, Rohrtrassen und dahinter ein großes fensterloses Stahlblechgebäude -das Oxygenwerk- mit drei Feuertöpfen auf dem Dach, aus dem meterhohe Flammen schlagen und Unmengen von Staub und Qualm in die Gegend blasen. Wir sind genau gegenüber vom Thyssen-Stahlwerks und der alten Kokerei im Duisburger Norden gelandet. Hier ist die ,Bronx'. Und hier wohnen sogar Menschen.

Stadtteil Bruckhausen, im Volksmund auch als ,Klein-Istanbul' oder ,Apatschenhausen' berühmt und berüchtigt. Was wollen wir denn hier?

Wir haben gar nicht gemerkt, dass wir immer noch fassungslos mitten auf der Straße stehen. Denn plötzlich hören wir hinter uns Kindergeschrei: "Platz da!" und eine Peitsche knallt, und schon rauscht eine kleine Kutsche mit zwei Ponys an uns vorbei. Die Kinder johlen und quietschen vor Vergnügen über die Ponyfahrt durch ihren Stadtteil. Ihr Papa hat für jedes Kind eine Mark bezahlt und wartet jetzt am Info-Stand der Biirgerinitiative Bruckhausen, der BIB am Wilhelmplatz, dass alle wieder wohlbehalten zurückkommen. Das Geld wird dringend für die nächsten Flugblätter und die Plakate gegen den Abriss und die Umweltverschmutzung benötigt, und Heinz-Gerd spannt dann immer die Ponys BIB und BAB vor die Kutsche und macht Kindertaxi.

Komm jetzt bitte keiner auf die Idee, die Leute von der BIB zu fragen, warum sie nicht wegziehen ...? Damit macht man sich hier keine Freunde. Und hier wird sogar noch gesungen? "Ja klar, um Thyssen zu ärgern und den Stadt-

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räten den Marsch zu blasen! Die haben nämlich eines gemeinsam: Die tun zu wenig für die Bürger und benehmen sich hier wie die Dreckschweine, jawoll!"

Bruckhausen: Blick aus dem Küchenfenster, 1978.

Bruckhausen-Walzer

Dienstags ist in Bruckhausen immer BlB - hört sich verdammt lustigan-ist es auch, obwohl einigen so langsam das Lachen vergeht.

Zuerst ging uns der ewige Dreck auf den Wecker.

Wenn die nämlich bei 1byssen den Qualm abblasen - da bleibt dir glatt die Luft weg. Bloß weil die keine Filteranlagen einbauen - sollen wir jedes Mal vorm Abendbrot den Sand mit Besen und Kehrblech vom Tisch fegen.

Yulmas, mach das Fenster :w, im Werk da wir gestochen

die Flamme lodert hell empor, ich hab den Koks gerochen.

Dann reden die dauernd von "Abreißen - Schandfleck!" - um sich im Stadtrat schneller nach oben und im Werk in den Aufsichtsrat zu buckeln!

"ls nich!" haben wir vom BIB gesagt ,,Is nich! Ein Hochfeld reicht uns!

Von wegen verkommen lassen - Ausländer rein, weil man die schneller rausschmeißen kann und dann Kahlschlach! Kahlschlach!"

Bloß weil die für ihre Werke Parkplätze brauchen - sollen wir aus unseren billigen Wohnungen rausgeschmissen werden - und so'n Stadtrat kriegt dafür die ,Silberne Planierraupe mit Eichenlaub und Spitzhacke'.

Kläre, hol den Farbtopf raus - jetzt malen wir Plakate: "Abgerissen wird hier nicht! Renoviert hier Haus und Straße!"

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War doch klar, dabei der Sanierung propaganda dagroße Muffensausen lo ging!

Emma macht ihren Kramladen dicht,

an den 1-Iäusem rieselt der Putz runter und die Gasrohre zi chen

Und der Onkel Doktor meint, er weiß nicht, was Staublunge auf türkisch heißt, und schließt die Praxis!

Bloß weil die prophezeien: ,Bruckhausen ist in fünf Jahren tot!' Sollen wir uns ge­

fallen lassen, wie man unden Kran abdreht, und die Wanne lan am

So langsam wird 13ruckhau en

aus dem Dornröschenschlummer;

die l·Jerren im Stadtrat werden schwach

ATI [ kriegt Liebeskummer.

Wat ist nur mit den Bruckhausenern los die lieben uns ja nimmer.

Welch Rechte sich der Bürger nimmt dat wird ja immer schlimmer.

Jetzt feiern sie noch unverschämt die Türken singen mit,

mit Jung und Alt beim Stadtteilfest hoch lebe BAI3 und BJB.

1-leinz-Gerd, jetzt spann die Ponys an wir woll'n ne Runde drehen

für unser neues Bürgerhaus

13ruckhausen es soll leben!

Text und Musik: Frank Baier

"Na ja, es scheint den Leuten ja noch ganz gut zu gehen. Haben die sonst keine Probleme? Komm, starte deine Zeitmaschine, wo soll's denn jetzt hingehen auf deiner ,liederliche' Ruhrtour?"

"Oh bitte, ihr steht gerade richtig. Seht ihr da vorne die grüne Türe? Eine Koranschule. Und da vorne auch ne grüne Tür mit nem Wolf drüber. Und hinter dem Hochbunker: eine Moschee. Hier in den Häusern, seht euch mal die Klingeln an, wenn überhaupt noch welche dran sind: über 70% Türken. Aber die schaffen und handeln mit der kompletten Familie und sind meistens in Arbeit. Und die Deutschen hier sind sauer, weil sie arbeitslos sind. Die haben nichts begriffen. Die glauben wirklich, dass die Türken an allem schuld sind, weil die Kanaken ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Und darüber können die sich in Rage reden. Aber die ,Post geht ab' zwischen den rechten und linken Türken. Mit den Fundamentalisten und ,Grauen Wölfen' ist genau

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so wenig zu reden wie mit den rechten Deutschen, die hier mit ihren Schäferhunden und Pitbulls durch Straßen rennen und den Maxe machen.

In Bruckhausen sind heute weit über die Hälfte der Familien arbeitslos! Und die bleiben deshalb hier wohnen, weil die Mieten so billig sind. Die Häuser sind völlig runtergekommen und die Wohnungsgesellschaft von Thyssen kümmerte sich einen Scheißdreck darum, die Häuser zu erhalten und zu renovieren. Frag' sie doch mal selbst. Die Türken wollten doch alle spätestens in fünf Jahren wieder nach Hause in die Türke wenn sie genug Geld zusammen haben. Und jetzt? Sie sind immer noch hier. Und die jungen Leute wollen gar nicht erst wieder zurück, die sind hier geboren und groß geworden. Die sprechen besser deutsch als türkisch. Und die lieben Bruckhausen und hassen es gleichzeitig.

Na, wollt ihr noch ein Lied hören?"

Ausländerfragen

Wenn sie da an der Ecke stehn und ihre Zigaretten drehn,

ob Deutsche oder Turken.

Denn beide sind jetzt arbeitslos, bei beiden ist die Sorge groß, doch einer muß jetzt gehen.

Wer war's, der sie geholt hat in das Land? Wer, der dieses Ausländer-Gesetz erfand? Wer hat den Lohn für sie gesetzt?

Wer hat sie durch die Presse gehetzt?

Wo ist des Arbeiters Vaterland?

Überall - da wo er schafft mit seiner Hand. Il: Und das ist diesmal hier!:II

Die Suppe, die jetzt bitter schmeckt, weil alle Fettaugen abgescheppt,

die wollt ihr oben nicht mehr löffeln. Erst lockt ihr sie mit Werbesprüchen, dann schockt ihr sie mit Rechtsbrüchen und setzt sie vor die Tür.

Wer hat an ihrer Wohnungsnot verdient? Wer hat sie ,dreckige Sau' beschimpft? Wer hat die ,Krise' aufgebracht

und sie dann arbeitslos gemacht?

Wo ist des Arbeiters Vaterland?

Überall - da wo er schafft mit seiner Hand. II: Und das ist diesmal hier! :li

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Und wer mit ihm zusammenlebt, mit ihm am F\rbeit platze

dem Türk zum Freund geworden.

Man chiebt

man bringt ihn Kraft Gesetz auf Trab. Er ist Muskelschrott

Wo ist des Arbeiters Vaterland?

Überall- da wo er schafft mit seiner I-land.

!I: Und das ist diesmal hier! :li

Also, Ihr 1-Ierren, nicht euer Vaterland.

Nicht Blut, nicht Boden - oder Gott gesandt.

Nein, diesmal sind es wir. Nein, diesmal sind ewir!

Text und Musik: Frank Baier

"Ich hab hier jahrelang gewohnt - mittendrin: Ecke Dieselstraße / Bayreuther Straße, oben unterm Dach, je nach Jahreszeit mit fließend warm und kalt Wasser vonne Wand runter. Der Text für so ein Lied springt dich förmlich an, wenn du hier lebst. Da muß man nicht lange drüber nachdenken ... ."

"Habt ihr Lust? Sollen wir zusammen Weihnachten feiern?"

Die Zeitmaschine macht nur einen kurzen Zeit- und Orts-Sprung: 24. Dezember 1978

Es ist Heilig Abend und Stahlstreik im Revier.

Wir stehen vor der dem Tor 1 der Thyssen-Gießerei in Duisburg-Meiderich. Es ist kalt und regnet. Vor dem Pförtnerhäuschen glüht die Kokstonne. Nur ein Streikposten steht unter dem Vordach und winkt uns. Wir machen die Türe auf und drinnen sitzen die anderen Streikposten. Die Kollegen-Frauen haben Stollen und heißen Kaffee mitgebracht. 22 Uhr, Schichtwechsel vom Notdienst, die Bude ist plötzlich voll - die Scheiben sind beschlagen. Wir kommen gerade richtig. Die Quetschkommode wimmert und wir singen Streik- und Weihnachtslieder. Einen Moment wird es still und nachdenklich, plötzlich meint ein alter Gießereiarbeiter: "Kollegen, hört mal ...", und er schiebt sein Holzbein unterm Pförtnertisch zurecht und fangt an zu erzählen

.... Und daraus ist noch in derselben Nacht das Lied entstanden:

Ballade von der Auferstehung- oder. StreikwethnadJt

"Heut vor 1978 Jahren wurd' der erste Sozialist geboren",

erzählt uns Rentner Willi, und verstand sich dabei nicht als Christ. "1 kiland nannten ie

Uns den Strdkenden, den ;\usgcspcrrten? Oder hat er an die Bosse mehr gedacht?"

Willi schob sein Holzbein grade unter Thyssens Pförtnertisch. Gießerei Tor 1 - und die Kollegen wis en,

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Sie streiken jetzt seit 26 Tagen, Stahlstreik hier im Ruhrgebiet

Und der Weihnachtsbaum am Tor verhindert nicht, dass dieser Streik noch seine Kreise zieht.

Willi kann sich gut erinnern: damals der Streik vor fünfzigJahren:

220 Tausend Ausgesperrte - er hat's einmal schon erfahren. "Mensch, Kollegen, überlegt mal," und die Wut macht ihn so stark, "wie sie uns beschissen haben, daß ihr immer noch nichts merkt!

,.Sicher, soll'n die Schlote rauchen. Klar, es soll das Eisen glühn. Doch! Alle sollen Arbeit haben! Deshalb müßt ihr Posten stehn. Alle Hände wollen Arbeit! Um den Lohn geht's diesmal nicht. Ihr streikt für die Arbeitslosen und für unsere Kinder mit! "

"Es gibt keinen Gott, der für uns streitet, kein Führer oder Heiland für uns kämpft.

Kein Boß den Weg zur 30-Stunden-Woch' bereitet, kein Allmächtiger, der unsere Schmerzen dämpft. Warum erzähl ich das, ich alter Knacker,

warum Jesus ich als Sozialist verstand?

Er wollte doch mit seiner Auferstehung sagen: Mensch, Kollege, nimm es selber in die Hand! "

Text und Musik: Frank Baier

Dies Lied ist die Geschichte des alten Gießereiarbeiters Willi Kaspers, der den ersten Stahlstreik im Revier 1928 auch schon miterlebt hat, von dem Rentner Willi, der sein ,Gespartes' und das Weihnachtsgeld in die Streik-Kasse gehauen hat, damit die Kinder der Streikenden doch noch was zum Fest un­ term Baum liegen haben ...

"Starte deine Zeitrnaschine! Fahr'n wir jetzt weiter?"

"Nein, lasst uns mal eben riiber zum Tor 1 von der TI1yssenhütte. Es ist gleich SchichtwechseL Wenn wir Glück haben, können wir die Krempeltiere hö­ ren." "Sag mal, spinnst du, es ist noch dunkel und verdammt kalt! Der Bord­ computer zeigt:Januar 1979. Es ist 5.30 Uhr morgens. Draußen ist es minus 5

Grad." "Keine Bange, es ist für alles gesorgt. Vielleicht kriegen wir sogar nen heißen Kaffee." Tatsächlich, arn Tor 1 ist richtig Leben, morgens um die Zeit. Die Kokstonne glüht hellrot. "Pass auf, geh' nicht zu nah dran, deine Jacke qualmt schon."

Die Streikposten nehmen sich einen Malocher zu Seite, der stramm

durchmarschiert. "Ja klar, die Notschicht darf durch, die kennen wir. Aber es gibt auch Streikbrecher." "Hallo Schorschi Guten Morgen! Wollt ihr noch kurz vor der Schicht einen spielen? Habt ihr was Neues drauf? Also ich will aber euren Streik-Hit hören." Der Schorsch und seine Kumpels von den Krempeltieren machen ihre Instrumente klar und die ,Hüttenbären' etwas Platz an der Kokstonne, damit den Musikern nicht die Finger beim Spielen an der Gitarre festfrieren. Schorch's Akkordeon zieht noch mal tief Luft über die

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Astluna-Taste und schon singen sie sich erst mal über den Refrain warm­ und die Kwnpels steigen sofort mit ein. Den Refrain haben sie auch schon drauf, schließlich läuft der Streik schon seit Ende November 1978.

Mit 35 Stunden geht's voran!

Mit 35 Stunden geht's voran- Recht auf Arbeit für die Frau und für Jen Mann

Schluß mit Arbeitslosigkeit- mit Entschlossenheit packen wir die 35 Stunden an.

Wenn wir schuften Tag für Tag in der Fabrik, brechen sich viele von uns für euch das Genick.

Ja, ein Menschenschicksal zählt bei euch nicht mit, eure Sorgen gelten nur eurem Profit.

Nun schon wieder sagt ihr uns: "Ihr zahlt allein!" Da sagen wir zur Arbeitsplatzvernichtung "Nein!"

Mit 35 Stunden geht's voran- Recht auf Arbeit für die Frau und für den Mann 00 0

Unser Leben ist ein Kampf für unsern Lohn, und mit schönen Worten ham wir nix davon. Wollt ihr Arbeitgeber rationalisieren -

soll'n wir dadurch unsren Arbeitsplatz verlieren. Woll'n wir gleichberechtigt hier im Staate sein, sagen wir zur t\rbeitsplatzvernichtung: "Nein!" Mit 35 Stunden gcht's voran 00 0

Unsere Drucker haben einen Kampf geführt, den ihr Arbeitgeber noch sehr lange spürt.

Trotz der Aussperrungen und vielen Drohungen. nix mit weniger Lohn und mit Entlassungen.

Soll dieser Arbeitskampf für uns ein Zeichen sein,

sagen wir zur t\rbeitsplatzvernichtung: "Nein!"

Mir 35 Stunden geht's voran 000

"Weil der Mensch ein Mensch ist", sagte Bertolt Brecht, könnt ihr nicht verhindern ihm sein gutes Recht.

Und da sprechen wir von Solidarität,

weil's für uns um unsere eigene Zukunft geht.

35 Stunden - voller Lohnausgleich

ist unsere Forderung, da werden wir nicht weich. Mit 35 Stunden gcht's voran 000

Text und Musik: Krempeltiere, Duisburg

Die Krempeltiere sind eine Songgruppe, die sich vor allem aus Jugendver­

tretern des Thyssen-Werkes zusammensetzt.

7. Söhne der Gastarbeita

Himmel an der Emscher

Söhne der Gastarbeiter

Über unsern Kohlenpott

1982/87

1996

2002


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Sommer 1982

... mitten zwischen den Marktständen. Ein Stimmengewirr, eine Schreierei und ein Kauderwelsch von verschiedenen Sprachen. Sind wir jetzt in Ankara oder Beirut gelandet?

Samstag Morgen, Markt in Duisburg-Hochfeld- ein internationales Ereig­

nis mitten im Ruhrgebiet. Wir treffen uns doch immer samstags morgens auf dem Hochfelder Markt und kaufen bei den Türken unser Gemüse. Der Markt ist Klasse, da sind die paar Deutschen die Gastarbeiter. Da kannst du türkisch lernen, ob du willst oder nicht.

Plötzlich hält mich jemand am Ärmel fest und fliegt dabei fast noch über

den Porree-Forsche, den ein dicke kleine Türkin vollbeladen hinter sich her­

zieht. "Ey Frank, hömma! Gut, dass ich dich sehe. Nächsten Samstag: Demo in Hochfeld. Die Kupferhütte!" Ich sach: ,Jau super, endlich! Blau wird der

Himmel anne Emscher!" "Nee, nee!" sacht' er "vertu' dich da nich mitti Ecken. Wir demonstrieren for die Kupferhütte, die geht nämlich platt. Waisse wat dat haisst? Hier gehen über 1.200 Arbeitsplätze drauf. Der ganze Stadtteil geht über den Jordan. Mit allem wat da dranhängt, die ganzen Läden und allet. Dann is Hochfeld im Eimer. Du musst kommen, is ganz wichtig, Du musst da singen, die vom Betriebsrat wissen schon Bescheid."

Ich kenne einige Leute hier, auch von der Hütte, und die sind ganz stolz in Hochfeld zu wohnen und zu arbeiten. Im Frühjahr 1982 zeichnete sich schon ab, dass der Hochfelder Kupferhütte - die größte Dreckschleuder der Umge­ bung - so langsam die Luft ausgeht. Immer wieder haben wir Ansätze ge­ macht, gegen diese Umweltverschmutzung zu demonstrieren. Jedoch ohne Wirkung.

Au weia, das ist aber bittere Realität. Jetzt soll ich auf eine Kundgebung zum Erhalt der Kupferhütte. Und da auch noch ein Lied drüber machen. Aber die Arbeitsplätze sind in Gefahr ...

Himmel an der Emsther

Blau wird der Himmel an der Emscher grün die Wälder, schönes Ruhrtal.

Das Leben wird karg hier, karger als je zuvor.

Menschen wandern ab - verrammeltes Fabriktor.

Bleibst du hier an der Ruhr? Hält es dich wie zuvor? Mutter Kohle, Vater Stahl- sterben weg im Ruhrtal.

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i\11 die Ceschichten, ich wollt sie hören.

Ich ging zu Jen Alten, die vom Pütt mir erzähl'n. Auch sie gingen weg und nahmen mit in ihr Grab eine andere Geschichte, die fast mit ihnen starb.

Ich hör den Atem -wie er schwer geht bei den Menschen hier die Sorge macht sich breit- ja, um das täglich Hrot.

Die Kleinen und die Sterbenden halten fegt, was ihnen lieb und warm

und die Kalten schmeißen einfach weg- und laufen fort- laufen fort.

Bleibst du hier an der Ruhr? Hält es dich wie zuvor? Mutter Kohle, Vater Stahl- sterben weg im Ruhrtal.

Blau wird der Himmel an der Emscher grün die Wälder, schönes Ruhrtal

Das Leben wird karg hier, karger als je zuvor. Menschen wandern ab, verrammeltes Fabriktor.

Bleibst du hier - an der Ruhr ...

Text und Musik: Frank Baier

Nur fünf Jahre später sollte dieses Lied noch mal ein traurige Aktualität erhalten: In Sichtweite von Hochfeld - auf der anderen Rheinseite in Rhein­ hausen - entbrennt ein erbitterter Arbeitskampf um die Krupp-Hütte mit mehreren Hochöfen und Walzwerk. Und hier geht es noch mal um ganz an­ dere Dimensionen: 5.000 Arbeitsplätze. Die angekündigte Schließung der Krupp-Hütte brachte nicht nur ganz Rheinhausen und Duisburg mit in Wal­ lung, sondern gipfelte in einer Protestwelle mit überregionalen Solidaritätsak­ tionen bis hin zur Sperrung wichtiger Zufahrtstraßen u.a. auf der Brüdee der So­ lidarität. Da gab es richtig Ärger.

Nicht nur den Menschen im Stadtteil, vom Stahlarbeiter bis zum Bäcker, ging der Atem schwer. Auch den Liedermachern und Sängern im Ruhrgebiet ging langsam die Luft aus. Darüber konnten selbst die riesigen ,Aufruhr­ Konzerte' auf dem Hüttengelände nicht hinwegtäuschen. "Die Kleinen und die Sterbenden halten fest, was ihnen lieb und warm. Und die Kalten schmei­

ßen einfach weg, und laufen fort ..."

1. Mai 1996

"Sons of Gastarbeita- die Dritte-Ruhe bitte!" kommt unüberhörbar eine klare Anweisung von hinten aus dem ,off, die uns sofort ein paar Schritte rückwärts machen lässt und wir uns in den Kabeln der Kamera verheddern, die auf dem Bürgersteig liegen. Wir sind mitten in den Dreharbeiten zu einem Film der DJ.f/'- Deutschen Welle über das Ruhrgebiet ,gelandet' und bekommen

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eine ruppige Rapper-Szene vor einer Trinkhalle – also einer typischen Ruhrpott-Bude – in einer Zechensiedlung in Gelsenkirchen-Hassel mit. Die Strasse heißt auch noch Bergmannsglück, auf der diese ,Klappe' gedreht wird. Der Film: Mai im Revier- Jeder Jingt auf seine Weise, der weltweit gesendet wird, soll einen Einblick in die Musik-Szene des Ruhrgebiets vermitteln, vom Bandoneon-Orchester über den Rock-Barden Stoppeck bis zum Ruhrkohle-Chor mit Glück auf der Steiger kommt. Und eben auch u.a. die Sons of Gastarbeita und F. Baier mit Liedern.

,Son' Mustafa rappt mit einem Ghetto-Blaster auf der Schulter, aus dem

mit ziemlicher Lautstärke der Soundtrack für den Song rausbrüllt, um die Sons of Gastarbeita in die richtige Stimmung und den ,groove' zu bringen. Immer wieder schubsen sich die Rapper gegenseitig von der Kamera weg, um für ihren Part möglichst nah genug - z.T. aus dreißig Zentimeter Entfernung mit der nötigen Aggression direkt vor die Linse zu kommen- mit Gandhi und Bünyamin als Front-Rapper. Ein großer Gaudi für sie, es sieht viel gefährlicher aus, als es ist, und die Tanz-Nummer des Gitarristen Germain vor dem Garagentor gleicht fast einem Slap-Stick. Der Song ist ihr Markenzeichen geworden.

Söhne der Gastarbeita

Die deutsche Wirtschaft begann zu expandieren und machte sich auf ohne Zeit zu "edieren,

der Industrie die Kräfte zu besorgen

für das Wirtschaftswunder von morgen.

Man hatte seine Sorgen der .Arbeitskräfte wegen, der Wunsch nach mehr begann sich zu regen. Die deutschen Ärzte eher ganz verwegen,

gaben den Gästen den Tauglichkeitssegen,

denn körperliche Arbeit war in Deutschland angesagt. Mann, jung, gesund, genau das war gefragt,

Wer wagt gewinnt so lautet das Motto,

deine Reise nach Deutschland ist ein Sechser im Lotto. In Wahrheit jedoch man wußte es genauer,

die Deutschen waren schon immer etwas schlauer. War der Aufenthalt geplant von kurzer Dauer, doch die Rechnung ging nicht auf.

Und du fragst noch wer wir sind ... ?

Wlf sind die Söhne der Gastarbeita.

Ich kommen nach Deutschland viele Jahre her, mein Leben in Heimat mir fallen schwer.

Zu Hause keine Arbeit zuhause viel Not,

Deutschland Paradies geben mir Brot.

Ich schwer Arbeit schicken Geld zu Frau, Familie Geld brauchen ich wissen genau.

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Kollegenix freundlich, machen immer Streit

"Hau doch ab Kanake, sonst mach ich dich breit." Ich viel traurig, ich Deutschenix versteh'n.

Warum mich erst holen und dann sollen gehen? Das eine Geschichte von viele andere auch, Paradies Deutschland lösen auf in Rauch.

Und du fragst noch wer wir sind ... ? Wir sind die Söhne der Gastarbeita.

Jetzt sind wir da die Söhne der Gastarbcita, und ich denke allmählich gescheiter

und ein Teil dieser Kultur pur- sind wir nicht nur

die Gäste im eigenen Land?

Mit Verstand baut keiner auf Sand. Wir leben hier soweit es geht. Wollen wir zu rück?

Ist doch viel zu spät.

Mal konkret gefrUb>t: zurück wohin? Ehrlich gesagt da, fehlt mir der Sinn.

Ich bin was ich bin: ein Sohn dieser Region,

unabhängig von Tradition und Religion.

In diesem Land gebildet, vermieden, verkannt, gemieden, anerkannt, das ist ja allerhand.

Mit dem Rücken wr Wand für kreativen Widerstand. Also frag nicht wer wir sind ...

Wir sind die Söhne der Gastarbeita!

© 1996 by SOG -Sons of Gastarbeita

Dieser Rap-Song und erst recht die Rapper gehören zu meinen Favoriten dieser Sendung, obwohl das Lied Blagen ausse Siedlung mit dem quirligen Hau­ fen Kindern aus der Rheinpreußen-Siedlung- eben die ,Blagen' - auch nicht von schlechten Eltern sind. Im Vorspann zu dem Film rennen zwanzig, dreißig unserer Kinder mit großem GeschreRollerskates und Rädchen durch die Kolonie, bevor sie umwerfend frech und übermütig auf dem Mäuerchen ihr Lied schallern - mit Barney am Akkordeon, Frank an der Ukulele und Jetta, die als Mutter des Gesangs für richtig Power sorgte.

Als wir uns bei der DW- DeutsdJen Welle in Berlin telefonisch nach dem

Sendetermin bzw. dem Land erkundigen wollten, kam eine fast vorwillfsvolle Antwort: "Junger Mann, nicht Land ... sondern Kontinente! Asien, Afrika, Nord- und Südameri.ka. Wir haben z. Zt. ca. zwölf Sendetermine. Noch Fra­ gen?" "Oh, Verzeihung. Soll nicht wieder vorkommen."

Unsere Freunde in Afrika sehen den Film im TV lange vor uns in

Deutschland. Rossy mft von Madagaskar an: "Frank, wir haben dich gerade mit deinem Akkordeon gesehen und du hast So-hwarze Liste gesungen und hast

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alles moderiert und ganz lustig erzählt. Wir haben ja alles übersetzt gehört und sehr gelacht." Wir konnten in der Siedlung den Film im türkischen Fernsehen Monate vorher bei einer unserer türkischen Familien in der Siedlung sehen. Die hatten die TV-Schüssel auf ,Eutel-Sat' geschwenkt, und wir saßen alle ge­ meinsam mit den Blagen im Wohnzimmer auf dem Fußboden und guckten Fernsehen auf türkisch. Im Mai 1997 wurde Mai im Revier endlich auch in Deutschland gesendet.

Juli 2002-Rudolstadt

Nachdem wir unseren Bordcomputer bei ,Focus regional- Ruhrgebiet' mit ,suchen' anklicken, werden wir mit unsere Zeitmaschine in eine Region ka­ tapultiert, die nun überhaupt nichts mit dem Kohlenpott zu tun hat. Aber ge­ nau dort in Rudolstadt an der Saale taucht das Lied Überunsern Kohlenpott gleich wiederholt auf:

Unter Kohlengräbd-land steht ein Workshop mit Liedern über das Ruhrgebiet

auf dem Programm des großen 'il'""F- Festival Rudolstadt 2002. Neben Ausstel­ lungen und Podiumsdiskussionen mit allen z. Zt. wichtigen Vertretern der musikalischen Ruhrpott-Szene (Stoppock, Pit Budde, Baier u.a.) wird hier auch ein Vortrag von Frank Baier angeboten mit Liedbeispielen über das Ruhrgebiet von 1889 - 1920 - 1967 - bis 1998, live gesungen oder mit z.T. historischen 0-Ton-Einspielungen- u.a. Lieder des 78-jährigen Johannes Le­ schinsky aus Oberhausen über die März Revolution 1920.

Bei einem Solo-Konzert von .Frank Baier auf der ,Freien Bühne' wird die­ ses Lied ebenfalls in der ursprüngliche Version von 1979 gesungen. Wenn wir nach ,weiteren Versionen' suchen, machen wir ein überraschende Entde­ ckung. Ein Konzert auf dem Neumarkt in Rudolstadt mit: SOG - Sons of Gastarbeita & Frank Baier.

Ach, da sind sie wieder und jetzt sogar gemeinsam auf der Bühne, u.a. mit

Überunsern Kohlenpott als Rap-Version mit einem Zusatz-Text von Gandhi aus seinem Rap-Song:"RWI". Das wollen wir uns doch mal ansehen. Da stehen zwei Generationen der ,kreativen Rebellion' des Ruhrgebiets auf der Bühne. Und die Lied-Päpste und Organisatoren des Festivals frozzeln backstage: "Die Rapper & der Alte".

Überunsern Kohlenpott- Rap

Neulich war ein Film im Fernsehn - über unsern Kohlenpott, ich fiel ja bald aus alle Latschen - ker, wat war dat schön.

Kühe aufe Wiese grasen - siehsse keinen brasseln, niemand rasen, die Ruhr könnt glatten Bergsee sein- fast klar bis aufn Grund.

II: Jau wat ist dat schön im Kohlenpott- und wat wird für die Malocher all getan. Weil wir alle so schön schuften - sorgen die für uns am Feierabend

und machen uns noch gratis- Luft und Wasser warm. :II

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Siehooe dat so inne Flimmerkiste- kris>e richtig Bock auf Urlaub hier,

ährlich, wat is da Mallorca - gegen unsern Kohlenpott

Die Kinder im Revierpark- ham echt Spaß und wat für't Abenteuer, und inne Kolonie ganz friedlich - sitzt der Opa auffe Bank.    · Ich hol dich ab am Bahnhof- und wir gurken mitte Straßenbahn,

in den Norden rau> nach Marxloh -wo die Werke stehn.

Wie glücklich der Malocher is - dat siehsse dann beim Feierabend wenn wir da am Werktor stehn- und die I-lütte hat grad Schicht.

11: .Jau, wat io dat schön im Kohlenpott ... :li

Ich zeig dir wat die Blagen machen- wolln die mal tofte schwimmen, wo der Vatter nur en Moped hat- und die Mutter en dicken Bauch. Die gchn anne Emscher durchn Zaun - anne Kläre oder Köttelbecke, denn der See liegt, wo die Fetten wohnen - und Asche kost' dat auch.

Neulich war wieder n Ding im Fernsehn - Streik in unserm Kohlenpott, da sah es plöt;.lich anders aus - und du fra!,>St noch, warum.

Hier kloppt man Nachtschicht und Akkord - die brasseln mit und ohne Stempel­

uhr,

denn der Blaumann ist kein Smoking- hier is kein Fernsehparadiesl

Na, i> dat so ochön im Kohlenpott - und wat wird für die Malocher all getan.

li: Weil wir alle ganz >chön schuften-nich für lau und nich für gratis woll'n wir wat vom Leben- und vom Feierabend ham. :Il

Ich leb bei dir ohRuhrgebiet in meiner eigenen Welt, meine Welt im Westen ist die, die mir gefallt

Ich kenne dich seit ewig mein ganzes Leben lang. Dein Atem, deine Stimme, hmmm, deren Klang. Ich fühle mich verraten, geborgen, verkauft

Wir teilen alle Sorgen- werde ich mißbraucht?!?

Alle Krisen überstanden, viele mehr als ich,

ich liebe dich, ich hasse dich, so richtig innerlich. ln dir ist viel Leben geboren au> der Not,

dein 1-lerzochlag wider den Tod.

Von außen verachtet von vielen verlacht,

mit Skepsis betrachtet, doch läßt man außer acht: Du bist meine Heimat, mein Salz und mein Brot, du bist mein Ufer, mein Anker, mein Boot.

Wir sind viel mehr. als man von außen sieht, ich weiß ganz gcnau, was mit uns ge>chieht.

I!:Jau wat is dat schön im Kohlenpott ... :II

Text: Text: Musik: Arr.:


Frank Baier & Gandhi Chahine

3. Strophe © by Gandhi Chahine

Ralph MeTeil - SOG

Frank Baier -Sons of Gastarbeita

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Das gemeinsame Konzert auf dem Neumarkt am Mittag sollte nur der Vorbrenner sein. Die Sons & Frank Baier wurden danach gebeten, noch nicht abzureisen, sondern abends auf der Hauptbühne im großen Abschluss-Konzert & Finale zu spielen. Der Marktplatz von Rudelstadt ist zum Platzen gefüllt. Mit unserer Zeitmaschine durften wir nur weit draußen auf den Saalewiesen parken. Um 23.30 Uhr endlich - nach über einer Stunde Verspätung - heißt es in der Moderation: "Bühne frei für "SOG - Sons of Gastarbeita & Frank Baier". Die 1. und die 2. Generation der ,kreativen Rebellion im Ruhrgebiet' rappen vor ca. 10.000 Menschen den neugeboren Ruhrpott-Hit "Über unsem Kohlenpott".

8. Finale - März Rap 1920

März 2003

Rap 1920

Unsere Zeitmaschine ist gerade wieder zu Hause gelandet ...

Ort: Duisburg, ehemalige Bergarbeiter-Kolonie Rheinpreußen-Siedlung, Zechen­

haus (erbaut. 1903)

Zeit: März 2003. Mitten in unserer Studioarbeit beginnt der Irak-Krieg.

Wir arbeiten gerade an unserem CD-Projekt März 1920. Wir, die Gruppe Gren:zy,änger und ich. Wir sind Liedermacher, Musiker und Texter, die erneut versuchen, ein verschollenes, nein - ein tabuisiertes Kapitel deutscher Geschichte zu begreifen und musikalisch umzusetzen: Kapp-Putsch oder die März-Revolution 1920 im Ruhrgebiet. Und wir sitzen plötzlich in einer ,Zeitmaschine', die mit hoher Frequenz und Geschwindigkeit rast.

Fragen über Fragen -Texte, Tonbandaufzeichnungen von Liedern (1920

gesungen und getextet von Arbeitern), Bücher, Archivmaterial, Mikrofone, Studiomaschine, Gitarren, Quetschen ...

22. März 2003, NRZ: Irak im Bombenhagel dazwischen: Nachrichten im Radio und im Fernsehen. Bilder von Bomben auf Bagdad. Die USA greifen den Irak an. Die Bundesregierung verärgert George W. Bush mit ihrem Unverständnis über diese Art von ,Kreuzzug' -ohne die Beteiligung der UN.

Wäre Kanzler Sehröder auch in Nichtwahlkampfzeiten zu dieser Entscheidung gekommen? ... und 1920? Warum entscheidet sich eine SPD-Regierung (Kanzler Friedrich Ebert, Minister Noske), dieselben putschenden Offiziere, Freikorps- und Reichswehrsoldaten und eine ,Brigade Erhardt' - mit Hakenkreuz am Stahlhelm -, die sie vorher aus Berlin verjagte haben (Kapp-Putsch), wieder einzusetzen. Mit einem Generalstreik wurde ,ihre' Regierung von den Arbeitern wieder erfolgreich in den Sattel gehoben. Und nun lassen sie die streikenden Arbeiter im Ruhrgebiet von denselben reaktionären

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Soldaten erschießen und erschlagen - massenweise, zu Hunderten? Warum? Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren? An wen wurde die Kontrolle abgegeben? Was hat das mit 1933 zu tun?

Ich lese gerade Sebastian Haffner2• Zitat: " [...] Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Hakenkreuz. Es war das einzige, was der Kapp-Putsch Bleibendes hinterließ. Man sah es öfter in der nächsten Zeit [...] "

Ganz nebenbei: Hatten die Amerikaner je den Mut, ihre Kids über die Entscheidung aufzuklären, warum sie zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen und hundertrausende Menschen getötet oder verstümmelt haben? An was glaubt George W. Bush, wenn er von einem göttlichen Auftrag redet, um seinen Feldzug gegen den Irak zu legitimieren? Oder war es eine Lüge? Oder hat er vom Baum der Erkenntnis gegessen, der ihn so weise sein lässt, um nach Belieben über Tod und Leben bestimmen zu können?

Die Bush-Administration bezeichnet sich selbst als ,Demokratische Imperialisten'. Sind wir mittlerweile so dicht im Kopf, dass wir die Worte und ihre Bedeutung nicht mehr erkennen?

Die Zeitmaschine und unsere Köpfe laufen auf Hochtouren. Wir finden einen Text des Arbeiterdichters Johannes Leschinsky (geb. 1903) in den 0- Ton-Aufzeichnungen und vertonen diesen neu:

Wer zettelt denn immer die Kriege an - es sind doch immer die gleichen. Doch nie war es der Arbeitsmann - es sind immer nur die Reichen.

Die gehen auch über Leichen.

Wann hat er diesen Text geschrieben, der da von seinem Kumpel Johann

Grohnke zitiert wird?

Und ich setze mich hin ...

und beginne einen neuen Text zu schreiben, ein Lied über diese Zeitmaschinen-Reise in meinem Kopf zwischen März 1920 und März 2003. Bereits während der ersten Zeilen wird mir klar, es wird ein Rap! Und der Groove wird aus dem Rap "Söhne der Gastarbeita" kommen, das ist klar. Sehr bald gab es unterschiedliche Vorstellungen von Grenzgänger und mir über den Text des Liedes. Mein Rap 1920 scheint ungeeignet für unsere CD März 1920 zu sein. Das Thema ,Wut' steht plötzlich an und meine ungefilterten Umgehensweise mit diesen Emotionen. Ich entpuppe mich nicht als ein Grenzgänger sondern als ein ,Grenzüberschreiter'.

Ich treffe mich mit dem ,Wortmeister' von SOG, Gandhi Chahine im Büro der ,Sons' in Witten und wir besprechen den Text und ,ziehen die Strophen glatt', wobei wir bereits den ,Soundtrack' von dem ,Söhne-Rap' mithören. Zehn Tage später, am 9. Mai. 2003 treffen wir uns im ,SOG-Studio, Witten',

2 Scbastian Haffner: "Geschichte eines Deutschen".

533

um mit ,Soundmeister' Germain Bleich den März-Rap 1920 noch in der Nacht einzuspielen.

Miirz-Rap 1920

Du weißt ganz genau- hier läuft einiges schief hier im Staat- hier die Leute. Ob's mal besser lief? Hör jetzt ruhig weg, du brauchst es nicht zu wissen

- wie die Herrenmenschen die kleinen Leute abpissen.

Das war immer so-dann hieß es ,Demokratie'

Ein Ruck ging durch Deutschland -"das schaffen wir nie" Und die alte Elite sagt: "Das darf nicht sein! -

Wtr machen dich nieder, du Arbeiterschwein!"

Die trugen am Stahlhelm das Hakenkreuz -blank.

1 9 2 0 -schwarz-weiß-rotes Band.

Die putschten von rechts, gegen die SPD

mit Freikorps und Reichswehr- ja, das tut weh. Sie haben gemordet - sie haben verraten

- sie haben gemetzelt- rechte deutsche Soldaten. Das will keiner mehr hör'n - das war immer Tabu. Da halten sich alle die Ohren zu - nicht nur du.

Und du fragst, was das solll Mär.l 1920 - die Revolution Il: Und dich wundert, warum es wieder daneben geht, warum wer bis heute die Wahrheit verdreht. :II

Die Regierung von Berlin nach Stuttgart verjagt

- sie war ZU feige - hat den Kampfrucht gewagt

Sie rufen zum Generalstreik in Deutschland auf.

Alle Räder stehen still - und so nahm es seinen Lauf: Die Arbeiter holten das Eisen aus dem Feuer.

Die SPD -wieder im Sattel - doch der Preis ist teuer. Sie schickt dieselben Freikorps - dasselbe Militär,

in den Ruhrpott-gegen die Kumpel-das ist nicht fair. Das Gesetz der Politik - ist auf der Seite der Reichen, die gehen - wenn es sein muss-immer über Leichen.

Es geht nie um den Menschen- es geht immer um Macht

- die ,junge Republik' - die Demokratie, umgebracht. Das Hakenkreuz schlummert-es ist nicht weg,

- sprungbereit - im Schafsfell - lauert der braune Dreck. Maskiert und geschminkt die Schein-Demokraten

- sie versprechen viel und werden uns wieder verraten.

Und du fragst, was das soll!März 1920 - die Revolution! Il: Und dich wundert, warum das alles so läuft,

warum sich statt der Hoffnung- die Gleichgültigkeit häuft. :II

Wer die Geschichte nicht kennt- und das heute nicht sieht

- hat keinen Plan - was morgen geschieht.

Wer gestern Fehler beging- wen heut die Gier verführt. Wo der Sohn -wie sein Vater- die Kriege sch ürt.

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"Auf den Bush klopfen" ist ständig angesagt

- die fahren ihr Programm - missbrauchen die Macht. missbrauchen dich und mich- ihr eigenes Volk

-und dort- begehen sie zum x-ten mal Völkermord.

Fast alles beginnt- merk dir - mit einer Lüge: Vietnam, jetzt Irak - auch die deutschen Kriege.

Es geht immer ums Geld -es geht immer um Macht, dafür werden Millionen Menschen umgebracht.

Und wir lassen sie- wir sind immer schlecht dran.

Und du glotzt blöd und tust so, als geht's dich nichts an. Lässt dich berieseln - lässt dir allen Schrott verkaufen, um- wie so viele- an ihren Lügen zu ersaufen.

Und du fragst noch, was das soll! März 1920 - die Revolution!

II: Und du fühlst dich nicht Scheiße? Oder schiebst du nur Frust? Und belügst dich selbst: "Ey, das hab ich nicht gewusst!" :JI

li: Und das haben unsere Alten damals auch schon gesagt, aber die haben nie was falsch gemacht! :!I

Text:   Frank Baier

Musik: SOG -Sons of Gastarbeita

Hier habt ihr den Song. Er ist noch frisch und unveröffentlicht. Ich schäme mich nicht, diesen Text so geschrieben zu haben. Mich hat der Irak-Krieg, dieser ,Kreuzzug' von Georg W. Bush angewidert. Ich kann einfach keine Herrenmenschen mehr ertragen, seit ich sie selbst hautnah in unseren Behörden und der Politik erlebt und erlitten habe. "Die Geschichte von unten sieht anders aus, sie wird uns nicht in den Geschichtsbüchern erzählt, ... und nicht von Gelehrten und Professoren geschrieben." Das müssen wir schon selbst machen. Und der Prolet Johannes Leschinsky ist tot. Das letzte, was er mir mit auf den Weg gegeben hat: "Frank, du musst die März-Lieder weiter singen und davon erzählen. Vergiss nicht, wir haben für euch unseren Arsch hingehalten und uns erschießen lassen." Das ist der Grund, warum diese CD

,,März 1920" entsteht.

"Wahre Worte sind nicht schön- und schöne Worte sind nicht wahr." (Lao Tse)

Wann haben wir endlich den Mut, aus unseren Niederlagen zu lernen, die Widersprüchlichkeiten - in und um uns - nicht glatt zu bügeln, sondern anzuerkennen und in unser Leben einzubeziehen? Niederlagen nicht nur auf die Niederlage zu reduzieren, denn in fast jeder Niederlage stecken auch kleine Erfolge. Und - nicht zuletzt - neue Einsichten, die helfen, den Kreislauf zu durchbrechen von völkischem Nationalismus, Rassismus, der Abwehr von Fremdem und den Militarismus - von gestern. Wir haben nach 1945 bereits Fortschritte gemacht. So bitter auch immer die Niederlagen waren, so verheerend ein Faschismus. Auch lohnen die Anstrengungen um ein erneuertes, ein kollektives Bewusstsein, das uns hilft, die Chancen für eine Weltgemeinschaft zu erkennen. Diese kann nur gelingen und existieren, wenn wir lernen zu teilen, mit allen - und nicht trennen. Wenn wir das begreifen ... Teilen heißt Reicher werden an und durch die Anderen!

Frank, 1948.

Wir sollten unseren Kindern die Wahrheit über unsere Vergangenheit erzählen, damit sie uns erkennen wie wir wirklich sind. Sie haben ein Recht darauf, nicht belogen oder vielleicht ,verschont' zu }.Verden. Wir sollten überhaupt aufhören zu lügen - alle. Fehler sind dazu da, um gemacht zu werden! Wir sind die nächste Generation, die auch aus den Fehlern der Alten lernen können, um es anders zu machen.

Das ist meine letzte Geschichte zu dem März Rap 1920, die nur so geschrieben werden konnte. Wir brauchen Visionen und Träume. Wenn wir die Dinge anders haben wollen, dann sollen wir sie anders denken, uns vorstellen und danach handeln. Nur wir können uns selber verändern - und es nicht von anderen fordern oder verlangen.