"Leben  - Kämpfen  -  Solidarisieren  -  Ruhrgebiet"
 der Aufsatz :    
               aus dem Buch :   "Folk   &  Liedermacher an Rhein  & Ruhr."       Testbeitrag

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Plakat :  "Leben  - Kämpfen  -  Solidarisieren"

cover Buch
Buch -cover 
            "Folk   &  Liedermacher an Rhein  & Ruhr."

 

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cover  - LP "Auf der Schwarzen Liste"  - 

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   Ruhrgebiet –
   Leben - Kämpfen - Solidarisieren
                                                                            von Frank Baier, Duisburg

1. Vorspiel

Rabotti im Ruhrpott - oder
                                          Dat muß doch auch wat Späßken bringen ...

Wo Rabotti is, fällt Dreck an
Wo man zuschlägt, wächst kein Gras
Wo es dampft und stinkt und dröhnt
Macht es meistens auch kein Spaß
Laune muß et aber bringen!
Ich kenn kein’, der dat fürn Appel macht
Malocht’er schon wie’n Stier im Ruhrpott
Braucht der Mensch wat, dat’er lacht

Dat muss doch auch wat Späßken bringen
Willze dich nur grämen
Datte aussem Ruhrpott bis
Brauchz’ dich nich für schämen
Nimm die Knaller wie se kommen
Doch nimmt man dich auffen Arm
Zeig auch ma wat Sache is 
Bisse alle wat von ham ...

Uns stört der Krach, der Smog nich
Deshalb bleim wa im Revier
En Schlag Leute, mit denen de reden kannz
Hasse Fußball, Freunde, hasse Bier
Bei Hennes inne Kneipe
Bei Kudi aufen Hof
Bei Wuttkes inne Gartenlaube
Is immer schwer wat los

Dat muss doch auch wat Späßken bringen Willze dich nur grämen ...

Willi hat die Lehre aus
Und hängt jetzt schwer daneben
Ich sach: Datte stempels, Junge,
dat is alles Mache
Die wolln uns eine geben
Ooch, meint ‘er, Vatter, keine Bange!
Ich bin vorerst geholfen
Ich putz in Curny’s Pornoshop
Un abends geh ich saufen.

Jau, sach ich, Willi, dat is getz
Un wat is mitti andern?
Die stehen prall vorm Arbeitsamt
Un sind sich nur am wundern!
Dat gibt’en Hitchcock, Vatter, warte
Arbeitslos sind doch ne ganze Masse
Fällt denen da am grünen Tisch nix ein
Machen wa Kirmes auffe Straße!

Dat muss doch auch wat Späßken bringen, Willze dich nur grämen ...

(Text & Musik: Frank Baier, Duisburg, 19751)

 

Karikatur Späßken Kuro

Kuro -Grafik : "... bisken Spässken machen"

 

2. Unser Marsch ist eine gute Sache oder   Wie alles anfing ...

                                    Ostermärsche im Ruhrgebiet – Lieder gegen die Bombe

Es fing auf der Straße an, draußen unter freiem Himmel. Da entstehen eh die wichtigsten Lieder, nicht die besten unbedingt, aber die entscheidenden, gegen den Krieg, für den Frieden. Lieder, die in der Bewegung entstehen, Lieder, die auf der Straße geboren werden. Auch bei den Ostermärschen in der BRD seit 1961. Die Menschen im Ruhrgebiet sind 1962 losmarschiert. Nicht im Gleichschritt. Genau das nicht – nicht mehr! Und sie haben gesungen und sich bewegt dabei. Die ersten zogen von Essen los. Ein Jahr später, 1963, ging der Marsch von Duisburg aus nach Essen, Bochum und weiter nach Dortmund.

 

"Rotes Liebeslied"  - Karikatur von Walter Kurowski.
                                     "Wenn das Wasser ist, bin ich Jesus !"
Sammlung Frank Baier

Laßt die hohen Herren sich selber schlagen Wir machen einfach nicht mehr mit ... Frag’ sie mal selbst, die ersten Ostermarschierer. Die Lieder haben sie noch parat, im Körper, in ihrer Seele und sofort auf den Lippen:

Nie, nie woll’n wir Waffen tragen Nie, nie woll’n wir wieder Krieg ...

Es waren die "singenden Ostermärsche an der Ruhr": 1962 waren es bereits 30 000 Menschen, die Ostern auf den Straßen marschieren. Sie sangen Lieder gegen die Bombe, mit der Gitarre vor dem Bauch. Die Banjos schrappten durchdringend, Mundharmonikas wurden aus der Tasche gezogen, hier und da ein Rhythmusoder Percussionsteil dazwischen. Es "groovte" sofort los. Es war kein Geheimnis, daß eigentlich Skiffle gespielt wurde. Die Skiffle-Bewegung im Ruhrgebiet boomte bereits seit 1961: Im Steeler Stadtgarten mit der Essener Skiffle-Jamboree, vor allem 1963. Die Szene war stark, zehn bis fünfzehn Gruppen bestritten den Wettbewerb mit Besen-Baß, Trompeten-Mundstück und Banjo. Die Saints-Ramblers aus EssenFrohnhausen, darunter auch ich, rannten aufgekratzt mit dem "Silbernen Waschbrett" unter dem Arm nach Hause. Die Railway Skifflers waren später noch besser, die Skiffle Pioneers auch nicht schlecht. Gesungen wurde da noch "traditional", also auf englische Texte.

Bei den Ostermärschen lautete das Rezept jedoch: Skiffle als "musikalische Schubkarre" für politische Lieder, aber mit deutschen Texten. Vorneweg beim Ostermarsch hörte man Die Conrads2 aus Düsseldorf mit politischen "Liedern gegen die Bombe" – deutsch gesungen. Auch insgesamt startete die Entwicklung der "Neuen Lieder in NRW" in Düsseldorf und Oberhausen. Der Texter Gerd Semmer lernte die farbige Sängerin Fasia aus Oberhausen kennen und schrieb für sie den wahrscheinlich ersten Blues in deutscher Sprache – den "Weltuntergangs-Blues". Dieter Süverkrüp aus Düsseldorf sang seine ersten Chansons – politische Chansons, die Texte von Gerd Semmer vertonten. Und eben diese Conrads-Brüder aus Düsseldorf skiffelten mit Kontrabaß, Gitarren und Mundharmonika im Schulterbügel. Später kam noch Jupp Schmitz mit Banjo dazu. Die 4 Conrads benannt, begleiteten sie bald auch Fasia bei ihren Konzerten.

So fing alles an

Dieter Süverkrüp kam vom Jazz, spielte bei den Düsseldorfer Feetwarmers und errang einen Festivalpreis als Jazzgitarrist. Ab 1956/57 sang er Chansons mit politischen Texten und entpuppte sich bald als vorzüglicher Interpret von Moritaten und Parodien fürs Kabarett. Bekannt wurden die scharfzüngige "Warnung – Rattengift wird ausgelegt" und "Die widerborstigen Gesänge ..."

1963 erschienen die ersten "Ostersongs 1962/63" als Schallplatte beim Verlag pläne mit Semmer, Süverkrüp, Fasia und den Conrads. Die ersten Liederhefte "Lieder gegen die Bombe"3 wurden beim Asso-Verlag in Oberhausen gedruckt. Sie waren auf den Ostermärschen dabei.
Fasia sang:

Unser Marsch ist eine gute Sache

Weil er für eine gute Sache geht
Wir marschieren nicht aus Haß und aus Rache
Wir erobern kein fremdes Gebiet
Unsere Hände sind leer, die Vernunft ist das
Gewehr
Und die Leute verstehen unsere Sprache
Marschieren wir gegen den Osten? Nein! 
Marschieren wir gegen den Westen? 
Nein! Wir marschieren für die Welt 
Die von Waffen nichts mehr hält 
Denn das ist für uns am besten 

Du deutsches Volk, du bist fast immer 
Für falsche Ziele marschiert 
Am Ende waren nur Trümmer 
Weißt du heute, wohin man dich führt? 
Nimm dein Schicksal in die Hand 
Steck den Kopf nicht in den Sand 
Und laßt euch nicht mehr verführen.

(Auszug, Text & Musik: Hannes Stütz, gesungen von Fasia, Oberhausen 19644)

Seit 1964 ist dieses Lied bei den Ostermärschen von den Straßen und Plätzen nicht mehr wegzudenken – auch nicht wegzureden. Es wurde zu dem Lied der Atomwaffengegner. Sich in den sechziger Jahren als Ostermarschierer zu outen, zumal als Lehrer oder Beamter, erforderte persönliche Courage. Die Springerpresse drängte uns als „5. Kolonne Moskaus“ in die Ecke. Die Gespräche am Arbeitsplatz wurden unerquicklich. Wir mußten uns dafür rechtfertigen, gegen den Atomkrieg auf die Straße zu gehen. „Ihr seid einseitig, ihr seid nur gesteuert“, hielt man uns vor. Auf der Straße waren sie alle. Nicht nur die Kriegsdienst-Verweigerer (I.d.K. damals), die Naturfreunde und der Versöhnungsbund; da liefen Christen neben Kommunisten und Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Christdemokraten. Einige Marschierer sangen klar und deutlich: „Weder Bundeswehr noch Ulbrichts Heer!“

Pete Seeger, Volkssänger aus den USA, sang: „Which side are you on?“5 Und irgendwann begann man sich zu entscheiden. „Auf welcher Seite stehst du, he?“, sang Walter Moßmann später in Wyhl und Brokdorf. Von wem sollten wir uns sagen lassen, was gut oder schlecht für uns ist? Von denen, die einfach nur funktionierten und kein Gespür mehr hatten für den Menschen, die Bäume, die Gleichgewichte? Die den Krieg und die Atombombe als einziges Lösungsmittel bei Konflikten einsetzen wollten? Die den Weg von Zerstörung und Selbstzerstörung wählten, weil sie sich und ihre Körper, ihre Seele nicht mehr kannten? Wolfgang Borchert saß in unseren Köpfen – „Dann sag’: Nein!“6 Fasia sang das Lied:

Feuer, Vorsicht, man legt Feuer 
Ein Atomminengürtel wird geplant                                      7
Geht auf die Straße und schreit alle: Feuer!
Feuer, unsere Erde wird verbrannt

Pfarrer, laß die Glocken läuten 
Denn wir brennen alle sonst zu Staub 
Fort mit den großen Generälen 
Sie sind für den Schrei der Menschen taub ...

Bürger, deine alten Städte 
Sind nicht heil, doch haben überlebt
Wer aber wird sie noch erkennen 
Wenn am letzten Tag die Erde bebt? ...

(Auszug, Text: Fasia/Semmer; Musik: Fasia8, gesungen von Fasia)

 

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Fasia Jansen.  Foto:  unb.

Auf einem großen „Festival der Lieder aus dem Widerstand“ in Bologna, Italien, sang Fasia 1965 zusammen mit den 4 Conrads vor internationalem Publikum Lieder aus dem Ruhrgebiet. Unter dem Titel „Verbrannte Erde in Deutschland“ wurde das sogenannte „Feuer“-Lied von den Menschen als Hymne begriffen und hier bei uns zu einem der wichtigsten Lieder in der Ostermarsch-Bewegung bis heute. Auf der Burg Waldeck erlebte ich etwas später im Sälchen des alten Säulenhauses bei einem Konzert mit den 4 Conrads die Kraft, die von diesen Blues bzw. Skiffle-Stücken ausgeht, gesungen mit deutschen Texten:

Freunde, der Ofen ist noch nicht aus
Auch wenn die das in Bonn ganz gern so hätten 
Wir können, wenn wir uns zusammentun 
Die Demokratie noch retten 

Ist da jemand unter uns, der glaubt, daß die Gesetze
Die sie jetzt rauslassen, ihn beschützen?
Dem sag ich: mach deine müden Augen auf, dann siehst du
Daß sie einzig der Regierung nützen.
Aber: Freunde, der Ofen ist noch nicht aus ...

Die ham ihr Schäfchen längst im Trockenen,
aber unsere Rechte wollen sie samt und sonders streichen
Hat uns die Geschichte nicht gelehrt, die oben sitzen
Geh’n auch, wenn es sein muß, über Leichen?   Aber: ...

(Auszug, Text & Musik: W. Brannasky, gesungen von den 4 Conrads9)

Die Lieder der sechziger Jahre, transportiert mit Blues und Skiffle, gesungen in der Bewegung auf den Straßen und Plätzen im Ruhrgebiet, wurden eine Art von „Volksliedern“. So hat es jedenfalls angefangen zwischen Düsseldorf, Oberhausen und Dortmund.

Wurzeln und Kinderstuben der Lieder in NRW:
Burg Waldeck    -Festivals 1964–69

Die Festivals auf der Burg Waldeck – mittlerweile legendär – stehen für die Wurzeln der Geschichte der Lied-Bewegung unserer Republik. Die Burg Waldeck, im Hunsrück oberhalb des Baybachtals gelegen, ist eine der wichtigsten Kinderstuben der demokratischen und politischen Liedkultur, auch für das Ruhrgebiet.

Von diesem Gelände mit seinen Hütten und dem Säulenhaus sowie von den Sängern, die von der Jugendbewegung, dem Rechts-Links-Gefälle der Bündischen Jugend und der Tradition des Wandervogels geprägt waren, gingen die Impulse und Anstöße aus, die ganze Generationen von Liedermachern und später sogar Rocksänger beeinflußt haben. Genau an diesem Widerspruch von muffigem Nationalismus und antibürgerlicher Revolte auf der Burg Waldeck sind wir gewachsen. Er schärfte unsere Wahrnehmung, aber auch unsere Lust am Singen. Er ließ uns eine verschüttete demokratische Liedtradition wiederentdecken. Und wegen dieses Widerspruchs entstanden die selbstgeschriebenen Lieder der Bewegungen in der siebziger und achtziger Jahren. Urheber und Mitbegründer der Festivals waren u. a. Peter Rohland, die Zwillingsbrüder Hein und Oss Kröher sowie "Gockel". Damit erwuchsen sie direkt aus der Bündischen Bewegung und derem fortschrittlich, demokratisch orientierten Flügel heraus. Ursprüngliche Bausteine für die Organisation der Festivals waren die demokratische Liedkultur des eigenen Landes und eine Orientierung an den Liedbewegungen im Ausland, u.a. in Frankreich und in den USA.

Alle Festivals waren Sternstunden. Daß sich das Volkslied zum Folksong entwickelte, hatte sicherlich mit der großen Präsenz der Folksänger aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu tun: Phil Ochs, Hedy West, Odetta, Guy Carawan u. a. Wir lernten von ihnen, wie in der "Civil Rights Movement", einer singenden Bewegung, spontan Aktionslieder bei Demonstrationen entstanden. Diese Lieder wurden geboren, nicht gemacht. Wenig später wußte niemand mehr so richtig, von wem welches Lied und welche Verse stammten.
Sie wurden Volkseigentum.

 

1964 – „Festival Chanson Folklore International“
                      hieß das erste WaldeckTreffen mit seinen 16 Chanson und Liedersängern.

1966 – Die Waldeck besuchten bereits 2000 Zuhörer und 70 Interpreten. Nahezu die komplette Elite der damaligen Chansonsänger und Liedermacher war auf

Walter Westrupp und Bernd Witthüser 1967 auf Burg Waldeck. Foto: Frank Baier.

der Bühne vertreten, die erste Generation sozusagen: Franz-Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp, Hanns Dieter Hüsch, Walter Moßmann, Hannes Wader. Plötzlich tauchte Joan Baez – aus den USA für eine Ostermarsch-Tournee gekommen – auf und sang gemeinsam mit Fasia „We shall overcome“.

1967 – Das Festival „Engagiertes Lied“
bot etwa hundert Liedermacher bzw. Interpreten, u. a. Reinhard Mey sowie Wader, Degenhardt, Süverkrüp, Hüsch, Christopher & Michael und Hedy West, USA. Es hatte 2500 Zuhörer und erfuhr eine unerwartete Politisierung, vor allem durch Störmanöver von rechts durch den "Nerother Wandervogel". Autoreifen und Kabel wurden zerschnitten, Zufahrtswege versperrt und Leitungen für Rundfunk und Fernsehen beschädigt.11

1968 – Das Festival "Politisches Lied"
stand unter dem Motto „Politisch’ Lied ein garstig’ Lied“ und verstärkte die politischen Ansätze. Prozesse der Selbstfindung fanden statt. Aus den USA kamen Phil Ochs, Odetta, Guy Carawan. Aus der Bundesrepublik: Floh de Cologne, Insterburg & Co, Schobert & Black, Rolf Schwendter, Uli & Frederik, Fasia Jansen & 4 Conrads, Degenhardt, Wader, Kittner u. a. 3000 Besucher kamen. Diesmal gab es linke Störmanöver und Aktionen, eine Demontage durch die APO und deren Basisgruppe Waldeck. Forderungen wurden laut: „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ Kuhfladen flogen in Plastikbeuteln auf die Bühne. Hanns Dieter Hüsch, der vermitteln wollte, wurde ausgepfiffen. (Vgl. auch den Beitrag von Robert v. Zahn in diesem Band.) Hüsch zog die Konsequenz und stieg für ein Jahr aus. Sänger traten in den Singstreik, u. a. Reinhard Mey, der sich ganz von der Waldeck zurückzog. Zentrale Figur war Rolf Schwendter. Er erklärte uns seine "“Theorie der Subkultur“. Sie führte zu Chaos und heftigen Attacken.

1969 – Das Arbeitstreffen „Gegenkultur“

statt eines Lieder-Festivals wurde vom „Republikanischen Club“ und der ABW (Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck) organisiert. 5000 Besucher kamen, die Waldeck platzte aus allen Nähten. Über 400 oppositionelle und subkulturelle Gruppen waren eingeladen. Gesungen wurde fast kaum noch, statt dessen gab es Referate und Grundsatzdiskussionen über die Pariser Studentenunruhen, über Berlin und über Vietnam mit dem Resultat: „Wir müssen in die Städte gehen! Schafft ein, zwei, viele Waldecks, bei euch zu Hause!“
Ein Ende mit Schrecken? Jedenfalls ein vorläufiges Ende der Waldeck-Festivals.

Wir gingen in die Städte, in die Betriebe, in die Behörden.12 Das war der Beginn der Festivals in Tübingen, in Mainz mit „Open Ohr“, in Ingelheim, Nürnberg, Osnabrück und anderswo, später im Ruhrgebiet, so auch „Kleiner Mann, was tun?!“ in Duisburg 1979.13 Internationale Essener Songtage, 25.–29. September 1968: „Lieder machen keine Revolutionen – aber Revolutionen haben immer Lieder gemacht!“14

Vor den Essener Songtagen war Ausschlaggebendes in der Bundesrepublik und in Westberlin passiert, was auf die Entwicklung des „neuen deutschen Liedes“ auch in NRW nicht ohne Einfluß blieb. Bevor ich also die Türe einer weiteren Kinderstube unserer Lieder in NRW einen Spalt öffne, ein Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe: Wo sind da in den Kinderstuben die Bauklötzchen – sprich Pflastersteine – geflogen, wo hat ein Haus gebrannt, wo wurden Dachlatten zu Waffen?

Stärker und lautstärker als je die Ostermarschbewegung trat die „Außerparlamentarische Opposition“ auf, die APO, eine vor allem von Studenten und Schülern getragene Protestbewegung gegen autoritäre Strukturen, gegen die Notstandsgesetze und gegen den Vietnamkrieg. Den Kern der APO bildete der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“, der SDS, deren führender Kopf
Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968 von dem Westberliner Josef Bachmann angeschossen und schwer verletzt wurde. Es folgte eine Demonstration vor dem Springer-Verlagshaus. Auslieferungsfahrzeuge brannten.

Ein Jahr zuvor – am 2. Juni 1967 – war Benno Ohnesorg bei einer Anti-Schah-Demonstration von einem Polizisten im Handgemenge von hinten erschossen worden. Mittags hatten „Jubelperser“ mit Dachlatten auf die Demonstranten eingeprügelt, während die Polizei teilnahmslos zuschaute.15 So etwas bleibt hängen. Stefan Aust brachte es auf den Punkt: „Der 2. Juni 1967 wurde zum historischen Datum, zum Wendepunkt im Denken und Fühlen vieler, nicht nur der Studenten.“16 Nicht ohne Wirkung blieben auch die Mai-Unruhen 1968 in Paris:
Sie schlugen wie ein Blitz auch auf der Waldeck ein, prägten uns und unsere Lieder.

Vor diesem Hintergrund wurden die Songtage 1968 in Essen von Leuten wie Martin Degenhardt (Bruder von Franz J.), Henryk M. Broder, Tom Schroeder, Reinhardt Hippen (Kabarett Archiv, Mainz) und Bernd Witthüser, Essen, initiiert und geplant. Auf den Bühnen belebten sie Gruppen wie Mothers of Invention mit Frank Zappa, aber auch The Fugs, die aus den USA eingeflogen wurden. David Peel kam mit härtestem Agit-Pop. Ihnen zur Seite standen Tim Buckley, Julie Driscoll, Brian Auger, The Family mit Roger Chapman und viele mehr. Das war, unabhängig von dem vielen Gras, das in der Gruga-Halle qualmte, schon ein „starker Tobak“, der mit einer unglaublichen musikalischen und politischen Wucht fünf Tage lang von der Bühne „donnerte“.
Er konnte nicht ohne Wirkung auf unsere Musik und unsere noch nicht geborenen Lieder bleiben, riß uns aus den alten Mustern und Bequemlichkeiten heraus. Hier wurden keine Illusionen mehr erzeugt. Vielmehr wurde das Lied zum Träger politischer bzw. gesellschaftlicher Informationen. Es sollte Botschaften transportieren, wie die Fugs sagten, von sexueller Frustration, von genereller Kritik an der Gesellschaft und vom Vietnamkrieg. Frank Zappa steigerte das noch mit seinen genialen bis bösartigen Kommentaren und Untergrund-Oratorien, die bis dato so noch nie gesungen oder in Noten gesetzt wurden.

 

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 Die Eiserne Lerche, 2/1979. Dietrich Kittner, Fasia, Dick Städtler und Dieter

 

Auch bei den heimischen Sängern grassierte die Bissigkeit: Dieter Süverkrüp sang scharfzüngig seinen Zyklus „Vietnam“. Hanns Dieter Hüsch mußte mehrere Male über die Hallenlautsprecher ausgerufen werden, bis er sich bei der verbalen und musikalischen Aggressivität und dem Tohuwabohu überhaupt auf die Bühne wagte.

Antworten der Medien auf die Songtage: „Das war Sauerei in einem Schweinestall“,17 „Sodom und Gomorrha im roten Essen. Internationale Songtage wurden zur Massenorgie“18 und „Irre Orgie. Kleister, Sex und Hitler-Reden bei den Essener Song-Tagen“.19 Die Mothers of Invention und die Fugs, die in den USA mit ihren Attacken auf die sexuellen und gesellschaftlichen Tabus bei den Rundfunkund Fernsehanstalten bereits auf dem Index20 standen, wurden mit ihren gesellschaftskritischen Texten auch in der Bundesrepublik nur vereinzelt wahrgenommen. Ähnliches galt für Walter Moßmanns oder Süverkrüps Lieder, ob über die „48er Revolution“ oder „Vietnam“. Die anarchischen Zustände in den Veranstaltungsstätten galten als Beleg für „die kranke Jugend“21 und wurden als Ausdruck „einer aggressiven Minderheit auf der Flucht in gellende Beat-Orgien“22 hingenommen. „Der Protest schickt seine Jünger auf die falsche Fährte. Die Essener Song-Tage wurden ein Fest der Pornografie“23 lauteten die noch sachlicheren Kommentare. Journalisten schrieben, was sie sehen und hören wollen. Die Gruga-Halle war ein Riesen-Joint für sie. Bei den Presse-Konferenzen sollten Veranstalter und die Stadt Essen dafür zur Verantwortung gezogen werden, für ein so unwürdiges Spektakel noch Geld zum Fenster rausgeschmissen zu haben. „300.000 DM Kredit für Irrsinn und Obszönität“.24 In der Lokalpresse spiegelte sich die Veranstaltung als blanker Horror, importierte Revolution, Underground, Aufruhr und Protest. Selbst der „entzückende“ wie zeitgemäße Beitrag von Bernd Witthüser in der Pädagogischen Hochschule (PH) konnte ihnen kein Lächeln abringen:

 

Das kleine Lied des kleinen deutschen Revolutionärs
Dem Opa hacke ich das Holzbein an
Damit der Alte nicht mehr laufen kann
Dann steck’ ich dem Opa das Holzbein in Brand
Dann haben wir wieder ein Feuer mehr im Land

Der Oma nehme ich die Brille weg 
Dann schmier ich ihr auf die Gläser Dreck
Dann sagt die Oma: "Danke mein Kind 
Ich bin ja sowieso schon fast blind!"

Der Schwester reiße ich die Puppe entzwei
Aus einem Holzpferd mache ich drei
Dann pinkel ich von unserm Balkon
„Hurra, es lebe die Revolution!“

(Text: Thomas Rother, Essen, Musik: Bernd Witthüser25)

 

Schon die Programmankündigungen waren Provokationen: Mit „Ein deutscher Liederabend“ und „Guten Abend, gute Nacht“ fing Mittwoch (25. September) alles ganz harmlos an. Aber am Donnerstag gab es das Protestkonzert mit Die 4 Conrads, Bernd Witthüser und Texten von Erich Fried „Seht euch diese Typen an“, dazu „Deutschland erwacht“ mit Popmusik von Amon Düül bis Guru Guru und Jazz mit Peter Brötzmann abends im Saalbau. „Protest International“ bot Alexis Korner, Degenhardt, David Peel, Black Power Songs, Süverkrüp, Julie Driscoll u. a. auf. Am Freitagmorgen stritten Podiumsdiskussionen über „Integration“ u. a. mit Tuli Kupferberg von den Fugs und Frank Zappa. Abends erlebte man „Loppe, loppe,

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Die Conrads. Foto: unb.

 

Labarett: Linkisch Lied für Lust und Lümmel“
                              mit Floh de Cologne, Insterburg & Co und Rolf Schwendter aus Österreich.

Samstag (28. September): Schon morgens wurde über „Agitation“ referiert und diskutiert, natürlich mit Degenhardt, Fried, Süverkrüp und Schwendter, der mit seiner „Theorie der Subkultur“ die Gesellschaft gegen den Strich bürstete.26 Mittags hießes „Famos, famos, heut machen wir ein richtig duftes Fest“. Es war eine Folk- und PopShow und diente eigentlich zur Beruhigung der Gemüter. Abends führte "“Let’s take a trip to Asnidi“ zum letzten Himmel Grugahalle. Diese tage und nächtelangen Mammutkonzerte kosteten sechs Mark Eintritt und boten schon mittags erste Höhepunkte mit Zappa und Tim Buckley, als Nachbrenner hingegen The Fugs und die Stimm-Entdeckung des Jahres, The Family aus England mit ihrem Wahnsinns Leadsänger Roger Chapman.

Sonntag wurde das „2. famose dufte Fest“ mit Alexis Korner, The Family, Cuby and the Blizzards, David Peel, Schnuckenack Reinhardt u. a. gefeiert. Der Ausklang „Internationaler Essener Sonn-Tag“, im Saalbau von Hanns Dieter Hüsch präsentiert, leitete mit Rick Abao, Uli & Frederik, Hannes Wader und Bernd Witthüser in ruhigere Gewässer.

Denk-, Zünd- und Sprengstoff gab es genug. Das zu verdauen sollte Monate dauern, und es hat eine ganze Generation von Künstlern und Sängern, Songpoeten, Liedermachern und Musikern, Rocksängern und Kabarettisten geprägt.

Franz Josef Degenhardts späterer Kommentar zu „Die Wallfahrt zum Big Zeppelin“ fiel böse aus: „andere sind wieder mal mit Pop und Pot auf dem falschen Trip, ähnlich wie ihre Ahnen, die Wandervögel“. In seinem Liedtext heißt es weiter: „Big Zeppelin hing an zwei schwarzen Sonnen. Und aus Verstärkern dröhnt im Bauch die Litanei der Wonnen. Und Wolken aus Afghanistan und stampfende Gitarren und Schreie nach Befriedigung.“ 27

Nicht nur ein „politisch Lied – ein garstig, widerborstig Lied“ gab es, sondern manchmal auch ein ermutigendes: Wolf Biermann sang 1968 seine „Ermutigung“ und steuerte das Lied der Sonderausgabe des Essener „Song“, Nr. 8, bei:

Ermutigung

Du, laß dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind
Stechen und brechen ab sogleich ...
Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen ...
                                                     (Auszug, Text und Musik: Wolf Biermann)

Wir waren unterwegs. Einige betrieben vor allem Straßenmusik – Bernd Witthüser, Stefan Stoppok, Pit Budde u. a. Neue Gruppen und Liedermacher begannen zu laufen, häufig geprägt durch Festivals auf der Burg Waldeck (Witthüser & Westrupp, Bursch, Baier u. a.). Einer der ersten, Peter Bursch aus Duisburg, traf vorher auf der Burg Waldeck auf Fasia Jansen, spielte 1966 zusammen mit Fasia und Joan Baez „We shall overcome“ auf der Ostermarsch-Bühne. Seit 1968 tourte er dann mit der Band Bröselmaschine.

Wir lernten die Wurzeln unserer Lieder kennen, der demokratischen Lieder, und lernten von den Liedern der Bewegungen in den anderen Ländern. Wir sogen die Songtage 1968 in Essen und die Musikeinflüsse der Gruppen und Songwriter aus den USA auf. Wir lasen Eldridge Cleaver und „Do it“ von Jerry Rubin: „Mach’ es, wag’ es, geh’ raus, sing’!“ Aus diesem Stoff schrieben wir neue Lieder und neue Programme. Die Ostermärsche liefen Jahr für Jahr durch das Ruhrgebiet und anderswo. Dort hörten wir die neuen Lieder und Sänger unserer Region auf den Abschlußveranstaltungen.

3. Lieder der siebziger Jahre:
   von „Schenk mir deine Wut ...“ bis
                                                       „Es hat erst angefangen, wir werden immer mehr!“

Aufbruchstimmung

Die Bewegungen in der Republik wurden diskriminiert. Der Radikalenerlaß grenzte „extrem“ anders Denkende vom Staatsdienst aus. Die Diskussionen am Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst wurden existentiell. Es roch nach Auseinandersetzung, die Spielerei war zu Ende. Etwas veränderte sich sehr deutlich an der Form und den Inhalten unserer Lieder und der Musik: Sie verloren an intellektueller Belustigung oder kabarettistischem Feinsinn mit verschraubten Wortschöpfungen und Satzakrobatik.

Das Spektrum war breit gefächert und reichte von reiner Agitation mit instrumentalisierten Liedern für Werktätige und gesungenen Parteiprogrammen bis hin zu textvermeidenden Instrumentalstücken, die sitzend zur Sitar auf dem Teppich vorgetragen wurden. Mit hartem Rock und Folk vom Feinsten, gezupft, gequetscht und teilweise hochliterarisch verarbeitet. Selbst aus dem „einen Stall“ kommend, sang der eine von Vampiren, Joints und Flipper, der andere hingegen vor Strafgefangenen seine Wutgesänge im Knast. Das umspannte „links“ dogmatische, aber auch alternative und undogmatische bis hin zu anarchistischen Streitern. Sie standen in und außerhalb der Bewegungen gegen AKW und Duckmäusertum, für Häuserkämpfe, für Indianer, für Wale.

Manche „Kulturverwalter“ im Ruhrgebiet der siebziger Jahre konzipierten sogar gerne ihre Programme in gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Kulturlagern und boten „Kultur von unten“ an. Es hing oft von der Zivilcourage der Leute im Kulturbetrieb ab, welche Liedermacher und Gruppen auf die Bühne gelassen wurden. Nicht selten ernteten sie anschließend von CDU-Ratsherren Kritik28 und mußten die Veranstaltungen mit demokratischem Liedgut mit Ausreden verteidigen.2 9 Jede Stadt hatte ihre „Haus-Liedermacher“Aushängeschild, weil die auch für das „Ruhrpott“-Image etwas hergaben.

Die „Haste Töne“-Palette30 war gut sortiert. Und wir hatten gute Vergleichsmöglichkeiten bei den großen Bühnen, Festivals, Demonstrationen und Veranstaltungen, so am 1. Mai am Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, bei den UZ-Pressefesten oder auch in unseren „Nestern und Brutstätten“. Das reichte von „angepaßt“ und „linientreu dogmatisch“ bis „unberechenbar“ mit historischen und aktuellen Liedern, Revuen und Frauenkabarett, Straßenmusik und ausländischen Gruppen. Alle regionalen (und überregionalen) Barden und Liedersänger waren zu hören: harmlos, scharfzüngig, agitierend oder anarchistisch, manche adrett und kunstbeflissen.

Die Entwicklung der Flöhe (Floh de Cologne) aus Köln zeigt die Veränderung der Formen und Inhalte der Lieder und Musik: Zu Beginn, um 1967, noch eine Kabarettgruppe, ging es Floh de Cologne um die „Politisierung des Vergnügens“. Bei den Songtagen 1968 zeigten sie dem Publikum noch die nackten Hintern. Sehr bald danach ließen sie mit Rockmusik die „Ärsche oben“ nackt aussehen. Sie zeigten Zusammenhänge auf, um das gesellschaftliche System zu erkennen, zu entlarven, zu verändern. Mit dem radikalpolitischen Ansatz ging eine Veränderung der musikalischen Plattform einher, über Beat („Fließband-Baby“) kamen sie zum Polit-Rock.

 

 

Es hat erst angefangen
Sprecht miteinander! 
Lernt euch zu wehren!
Macht euch Mut!
Es hat erst angefangen
Wir werden immer mehr 
Wir haben erst angefangen
Wir werden immer mehr
(Auszug,
               Text & Musik: Floh de Cologne aus der Rock-Oper "Profitgeier"31)

Mit solider Rockmusik wurden Geschichten erzählt, z. B. die von den Flöhen eben oder die von Franz K. aus Witten mit "“Sensemann, Das Goldene Reich“.32 Als „Belohnung“ wurden solche Rockgruppen von den Printmedien geschnitten und von Funk und TV totgeschwiegen.33 Bundesdeutsche Kultur-Realität hieß: einfach ignorieren.

Nicht ganz so hart ging es im Bereich der Folk-Rock-Gruppen und der Liedermacher zu. Aber zu beklagen brauchten wir uns auch nicht. In schöner Regelmäßigkeit wurden – legitimiert durch die RAF-Hysterie – ganz „spezielle“ Musik-Truppen auch aus dem Ruhrgebiet mit ihren Bandtransportern auf Tour von Polizeistreifen gestoppt und komplett durchsucht.

Karriere der Marion S.

Schenk mir deine Wut 
Ich kann sie gebrauchen
Schrei denen ins Gesicht
Die dir die Knochen stauchen
Was nützt es, wenn du wieder schlägst
Nur deine Haut zu Markte trägst
Zu viele, die dich mangeln woll’n
Zu viele, die dich überroll’n
Na heul’ schon, weil du hilflos bist
Und schenk’ mir deine Wut
Ich kann sie gebrauchen ...
(Auszug,
Text & Musik: Frank Baier,
aus: "Lieder vor und hinter Gittern", gesungen von der Gruppe Kattong                  34)

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 Plakat der  Gruppe Kattong.

 

Das Programm „Von Trips und Träumen“ von Witthüser & Westrupp war politisch nicht ganz so gefährlich. Aber auch in diesem Fall durfte nach Dope gesucht werden.

                                              

Auch wenn man Bröselmaschine hieß, lag das nahe. Peter Bursch spielte mit seiner Band vorwiegend Instrumentalstücke, trat aber verstärkt in der Jugendzentrumsbewegung auf. Er gehörte zu den Mitbegründern des autonomen „Esch-Hauses“ in Duisburg.

Durch Bernd Witthüser bekam das Lied „Beine“ und lief der „alten Klampfe“ weg. Er war prägend für die Generation von Liedermachern der siebziger Jahre im Ruhrgebiet. Und er „flog“ schon, während dieser erst die Flügel wuchsen. Unberechenbar mit unserer – wie sie es nannten – „Kultur von unten“ wurden wir für die „Statthalter“ dann, wenn die Aktionen und Demonstrationen aus der Bewegung geboren und durchgezogen wurden, wenn „der Deckel abhob“ oder der "“Pott kochte“, wenn wir in Kalkar von der Wiese gespritzt wurden und der Bauer Maas dringend Unterstützung brauchte. Oder dann, wenn die glühende Kokstonne vor den Werkstoren unsere steifgefrorenen Finger wieder „gitarrenfähig“ machte und wir noch „’n Brikett“, also ein Lied, nachlegten, um die Jungs beim Stahlstreik bei der Stange zu halten.

Die Szene wurde für die Kulturämter auch unübersichtlich, weil wir überregionale oder sogar internationale Unterstützung von Liedermachern, Kabaretts und Bands erhielten: So von den Schmetterlingen aus Österreich, die zufällig auf Tournee durch das Ruhrgebiet fahren. Und Wolf Biermann kam. Sofort wurden Streikversammlungen zu Solidaritätskonzerten. Verknüpfungen und Vernetzungen entstanden, Schallplatten für Unterstützungsfonds wurden aufgenommen, gemeinsame Aktionen liefen, um denen oben „’n bißchen Zucker in’n Tank zu schütten“. Mit „Kultur von unten“ oder „wie hätten Sie’s denn gern.“

 

Laß uns auf die Reise gehn ...
                            : Musikszene im Pott – Der Stall Witthüser & Westrupp

"Liederliche" Verknüpfungen durch Lieder, Stammbäume der Liedermacher, musikalische Seelenverwandtschaften und Musikfamilien; tragische Bruderschaften von Sängern mit Hochzeiten und Trennungen, Neu- und Wiedergeburten von Formationen, Seilschaften von Textern und Sängern ... Die ganze Musikgeschichte ist voll davon – auch im Ruhrgebiet.


Laß uns auf die Reise gehn ...

Laß uns auf die Reise gehn, unser Land zu suchen
Wo die Heimat der schreitenden Reiher ist
Der Sommer den Tieren im Maule liegt
Und wo es keine Tränen gibt –
in stillerer Landschaft

Laß uns auf die Reise gehn, unser Land zu suchen
Wo du den Sommer ohne Whisky erträgst
im Winter ohne Kohlen auskommst
und die Liebe nicht müde macht –
in stillerer Landschaft

Leg dir etwas Kleingeld hin, das Kleingeld der Träume
Übe die Lieder von Abschied und Ankunft
Der Abschied ist leicht und die Ankunft ist schwer
Der Rückweg ist dunkel und weit –
aus stillerer Landschaft

Laß uns auf die Reise gehn, unser Land zu suchen
Wo Mauern und Zäune schon abgebaut sind
Wiesen ohne Kettenspur grünen
Und wo du ohne Geschrei stirbst –
in stillerer Landschaft

(Text: Thomas Rother, Musik: Bernd Witthüser,
                                                      gesungen von Witthüser & Westrupp3 5)

Hier ist nur ein Beispiel für diese Verknüpfungen, für die Beeinflussung und musikalische Entwicklung, für andere Wege, die gegangen, und völlig andere Felder, die von Liedermachern und Musikern betreten werden, die aus „einem Stall“ kommen,
z. B. aus dem Stall „Witthüser & Westrupp“, Essen.

Foto 1395

Witthüser & Westrupp:
                           Nimm einen Joint, mein Freund. Schallplatte von Oh
r.

 

Bernd Witthüser arbeitete 1966/67 mit dem Texter und Journalisten Thomas Rother aus Essen zusammen. Aus dessen Zyklus „Arschleder zwickt“36 vertonte Witthüser seine ersten Lieder. Er sang sie als „Protestsänger des Ruhrgebiets“. Witthüser traf Walter Westrupp, den er schon aus der Essener Skiffle-Szene kannte. Sie spielten gemeinsam Straßenmusik. Eine Sternstunde war das erste Konzert des Duos Witthüser & Westrupp mit „Liedern von Vampiren, Nonnen und Toten“ im November 1967 im Jugendzentrum Essen Papestraße. Das Duo startete 1968 noch als „Pop-Cabarett“ in Essen. 1970 war das Programm „Von Vampiren, Nonnen und Toten“ reif für die erste Langspielplatte. 1971 tourten Witthüser & Westrupp mit ihrem Programm „Von Trips & Träumen“ durch Deutschland. Sie wurden zur Kultgruppe mit dem Hit „Nimm einen Joint, mein Freund“, verstärkt durch Curny Roland am Baß. Der zentrale Titel lautete: „Laß uns auf die Reise gehn“ mit dem Text von Thomas Rother. Noch 1971 gab es eine Tournee mit „Jesuspilz – Musik vom Evangelium“, uraufgeführt groteskerweise in der Apostelkirche in Essen-Frohnhausen, die zum SzenenLager mit „Gras“ und Schlafsäcken bis hoch auf die Empore wurde. Der Pfarrer wußte vorher gar nicht, „wo die Glocken hingen ...“. Bernd und Walter, mittlerweile berühmt, zogen sich völlig zurück und siedelten nach Dill in den Hunsrück – Rückbesinnung im Landleben. Die LP „Bauer Plath“ produzierten sie 1972 im Studio Dieter Dierks, des Ton-Gurus der deutschen Popszene. 1973 trennten sich die beiden.

 

 

                         

 

Witthüser, Westrupp und Baier kannten sich auch vom Skiffle der sechziger Jahre her. Baier übernahm und sang Witthüser-Vertonungen der Rother-Texte in Konzerten. Er vertonte seit ca. 1968/69 Rother-Texte für seine erste LP „Gitarre vorm Bauch“, gemeinsam mit dem Sänger und Texter Rolf Hucklenbruch (Gitarre) und dem Musiker Harald Golbach (Percussion). Hieraus entstand 1970 die Gruppe Kattong in Duisburg. Sie spielte von 1970–76 Folk-Rock, sang politische Lieder und initiierte Aktionen der Strafgefangenenhilfe (ASH). Es waren Knastkonzerte mit dem Programm „Lieder vor und hinter Gittern“, das aus eigenen Liedern und Texten und solchen der Autoren der Literarischen Werkstätten im Ruhrgebiet gestand: „Diebstahl lohnend“, „Karriere der Marion S.“, „Kattong-Blues“ u. a. Es folgte ein Programm „Von nix kommt nix“ mit Konzerten für Fürsorgezöglinge, Hausbesetzer und Strafgefangene. Baier stieg 1973 aus der Gruppe und war kurze Zeit solo unterwegs.

Dann trafen sich Walter Westrupp und Frank Baier erneut. Die musikalische Plattform war Skiffle (früher Night-Revellers, Saints Ramblers, Essen). Beide spielten u. a. Ukulele, Gitarre und Mundharmonika. Beide texteten und komponierten (u. a. Kinderlieder). Beide sind vom Sternzeichen „Wassermänner“ – das konnte nicht gut gehen. Durch die Lieder kamen sie zur TV-Kinderserie „Familie Zisch“. Das Duo Baier & Westrupp bzw. BaierWestrupp brachte bereits 1973 erste Konzerte. Einen ersten Live-Mitschnitt von Baier & Westrupp gab es auf der Veranstaltung "“Deutsche Liedermacher – Songfestival Ingelheim“, 1974 (2 LP). Und die LP „Dat muß doch auch wat Späßken bringen“ erschien 1976 beim Verlag pläne. Gleichzeitig erweiterte sich die Walter h.c. Meier Gang – Walter Westrupp, Harry Horstig (Gitarre), Curny Roland (Baß), Wolfgang Klasmeier (Schlagzeug, Waschbrett) – durch Frank Baier alias „Pumpe“ (Spitzname aus frühen Skifflezeiten) mit „verstärkter“ Lead-Ukulele; zeitgleich mit Baier/Westrupp. Die neue Essener Skiffle-Truppe Walter h.c. Meier Pumpe37 von 1974 „pumpte den Skiffle aus dem Boden“ – furios, unaufhaltsam und deutschsprachig. Alle Musiker waren „alte“ Skiffler aus den sechziger Jahren, mit zwei Songschreibern und Frontleuten mit Ukulele, fünfstimmigem Gesang, zum Teil a cappella. Es erklang eine Mischung aus Blues-Skiffle-Folk-Rock-Pop – völlig respektlos und mit einer unbändigen Lust und Spielfreude. Die erste LP „Walter h.c. Meier Pumpe“ erschien 1976 bei Songbird, Electrola, mit „Der kleine Musikant“, „Baby Barré“, „Segeroth-Skiffle“ u. a.

 

Segeroth Skiffle               oder
                                              Regen aus Kohlenstaub

Als er noch ein kleiner Junge war
Mit kurzen Hosen und dreckigem Haar
Vom vielen Rauch und Regen aus Kohlenstaub
Spielte ich auf ’nem Kamm für die Tille vonne Köttelbecke
Wir tranken Knickerwasser vonn Bude anne Ecke
Mein Zuhause, das war der Segeroth ...

Als er dann mit 30 schon arbeitslos war
Mit Schlabberhose und Rotze im Haar
Un die Kinder anne Ecke riefen: Ey, Papa
Da holt’ ich den Gitarrenkoffer aus dem Schuppen
Um mit den Seegern von früher wieder Saiten zu schruppen
Denn bei sonne toften Musik wird uns alle so schön warm

Dann machen wir Skiffle aus dem Kohlenpott
Dat is Musik fürn Sack und ne Musik fürn Kopp
Dat Zeug geht los und wärmt dir jeden Knochen
Und dat Blut inne Pumpe fängt am Kochen
Und bei die Tillen geht et meistens inne Fott

(Auszug, Text & Musik: Frank Baier, gesungen von Walter h.c. Meier Pumpe  38)

Die Gruppe tourte regional und überregional durch große Bühnen sowie Jazz- und Szenekneipen zwischen Düsseldorf (Musentempel) und Hannover (Ei in Linden). Curny stieg aus – nach einem Musentempel-Konzert: Er war der einzige, der den gelben Opel Blitz noch fahren konnte. Der Rest der Truppe war „breit“ und nörgelte hinten im Bus herum. Curny machte mitten auf dem Breitscheider Kreuz eine Vollbremsung, die Boxen und Mikroständer rasten nach vorne.
Er stieg aus, sein langer weißer Staubmantel verschwand bei Nacht und Nebel im Scheinwerferlicht. Dunkelheit – Ratlosigkeit ... Curny fuhr nach Formentera und macht eine Kneipe auf. Baier setzte sich persönlich, politisch und textmäßig selbst ins Abseits und stieg Ende 1976 aus.

Walter h. c. Meier Pumpe veröffentlichte danach weitere Platten, u. a. „Unterwegs“ 1977 und „Verkehrshinweise“ 1980. Harry Horstig wurde 1979 „gegangen"“. Neue Besetzungen kamen, neue Programme erschienen und wurden kommerzieller, darunter "M.I.S.T." (Meier’s International Show Time). Westrupp verließ die „Pumpe“ 1984. 1985 löste sich Walter h.c. Meier Pumpe auf.

Wo ist Bernd Witthüser? Immer noch auf der Reise quer durch Europa und die halbe Welt – eine Reise, die bis heute andauert. Unter dem Künstlernamen Bärnelli wurde er wieder Straßenmusiker. Beim Zwischenstop in Berlin lernte er den Geiger und Straßenmusiker „Otto“ kennen. Die beiden gingen ab 1976 europaweit auf die Walze, landeten in Italien, wurden dort als Duo Otto & Bärnelli entdeckt und durch eine große Fernsehshow berühmt. Sie zogen 1976 in die Toscana als „professionelle“ Straßenmusiker. Witthüser wohnte in einem Bauwagen solo mitten in der Pampa. Eine LP mit eigenen Liedern erschien 1985: „Bernd Witthüser – Alte Rezepte“39 , mit „Schiffbruch“, „Eidechsen-Galopp“ und dem Shakespeare-Text „Alte Rezepte“ überwiegend in der Bundesrepublik aufgenommen. Ein CD-Sampler von 1996 liegt bei Trikont vor: Otto & Bärnelli mit „LaGerleitung OHe“. Das Duo ging wiederholt auf Welttournee, u. a. nach Japan.

Was macht Walter Westrupp? Seit seinem Ausstieg aus der „Walter h.c. Meier Pumpe“ lebt er zurückgezogen von der Musikszene in Essen.

Und Curny Roland? Er wohnt immer noch auf den Balearen, Formentera, als Lebenskünstler, Aussteiger, Globetrotter. Der Baß hängt am Nagel.

Harry Horstig „wizzelte“ weiter mit der Gitarre. Er führt ein Doppelleben als Ingenieur und Musiker in Essen und ist ein gefragter Gitarrist in der Blues-, Rockund Skiffle-Szene des Ruhrgebiets. Er ist Gitarrist und Saitenvirtuose bei der Uralt-SkiffleFormation Some Old Friends in Essen.

Frank Baier arbeitete bis zum Abwinken als Ingenieur und Musiker in Duisburg und gleichzeitig als Liedermacher, Autor und Liederforscher. In der Zeit nach Walter h. c. Meier Pumpe entstand eine Sammlung „regionales Liedgut“. Baier ist gemeinsam mit Detlev Puls Herausgeber des Werks „Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet“ (S. Fischer Verlag) und spielte 1981 die Solo-LP „Auf der Schwarzen Liste“ ein. Eine Konzerttournee führte ihn 1982/83 nach Madagaskar und eine Tournee mit der madegassischen Gruppe Rossy durch die Bundesrepublik. 1983–86 entstanden das Programm und die LP „Türkisch-deutsche Lieder“mit Mesut Çobançao Šglu. Baier schrieb Lieder und Texte im Kampf um die Zechenkolonie „Rheinpreußen“ in Duisburg-Homberg. Dabei entstand die EP „Rheinpreußen ruft Alarm“. 1988–95 driftete er durch sein Engagement im Obertonchor Düsseldorf als Obertonsänger etwas vom Weg ab.40 Er baute sich 1991 bei einem Meister eine eigene Harfe, wurde Harfenschüler an der Niederrheinischen Musikschule in Duisburg und ist auf dem Weg zu neuen Ufern.

Und Meier, alias Wolfgang Klasmeier? Sein Doppelleben changierte zwischen Handel und Musik. Eine Zwischenstation führte ihn ins Skiffle-Auffangbecken Some Old Friends. Er gab sein Letztes für eine gute Abfahrmusik und eine gute Schießbude, koste es, was es wolle. Meier baute 1986 die Rock- und Funk-Maschine Camaleo mit Bläsersatz und „Vokal-Frauen“ inklusive Probenraum in Essen auf, eine Soul-lastige Bühnenshow, u. a. mit „Bubi“ Scholz. Ein besonderes Konzert der Walter h.c. Meier Pumpe fand am 23. Oktober 1999 unter dem Titel „Die Legende lebt“ in alter Besetzung statt.

 

 Foto 1398

Walter h.c. Meier Pumpe, Essen 1975.                                     Foto: unb.

 

Nester und Brutstätten

Die Bewegung gründete und fand ihre Orte, Nester und Brutstätten. Jugendzentren (städtische und selbstverwaltete), Szenekneipen, Kulturhäuser und -initiativen, Verlage, verteilt über das Ruhrgebiet, zwischen Duisburg und Dortmund. Es gab Auseinandersetzungen mit SPD-Stadtverwaltungen und mit Ordnungshütern, Eingriffe in die gerade aufblühenden Selbstverwaltungen, Drohungen und Abrisse von Häusern mit Polizeieinsätzen (Eschhaus, Wischlingen), schließlich auch Kürzungen der Kulturgelder unter Einflußnahme auf Programme und Inhalte. Der Radikalenerlaß ließ grüßen.

Warum heißt die „Kultur-Fabrik“ in Oberhausen „K 14“? Weil das die amtliche Kurzbezeichnung der Polizei für das "“politische Kommissariat“ ist. Das sind die Leute, die auf dem Balkon hocken, einen Pappkarton über dem Kopf mit einem faustgroßen Loch vorne für die Kameralinse, damit sie uns bei der Demonstration für die Ermittlungsakten fotografieren konnten. Die Szene allerdings fotografiert sie auch – von einer Etage darüber. Das sieht lustig aus. Direkt neben „K 14“ ist der Asso-Verlag gelegen, der Arbeiterliteratur, politische Werke und Liederbücher herausbringt („Lieder gegen die Bombe“, „Politische Lieder“ usw.). Es ist ein Hinterhofnest, in dem nicht nur die Demonstrationen vorbereitet werden und das Chile-Komitee tagt. Es wird Jazz von „Kuro“ gemacht, es werden Lieder von Fasia gesungen.

Beispielhaft ist auch die Besetzung, der Aufstieg des selbstverwalteten Zentrums Wischlingen und die Zerstörung durch die Dortmunder Revierpark GmbH. Es war Nest und Brutstätte der Dortmunder Musiker und Folk-Rock-Szene um Pit Budde, Fred Ape und andere.41 Der Wahnsinn verkam im Revier zur Methode: Erst waren die Selbstbestimmungsmodelle Aushängeschilder der Städte für fortschrittliche Kulturarbeit, dann erfolgte der Abriß durch die Bagger. Die Liedermacher und Musiker des Ruhrgebiets waren von diesen Aktionen nicht zu trennen. Sie stellten eine Gegenöffentlichkeit her als Regulativ für die Presseund Medienberichterstattung.

 

Erinnert sei an die Kulturnester:

Bochum: Fabrik (Hermannshöhe, Seifert), Abriß; Alte Mensa, Uni

Dortmund: Fritz-Henßler-Haus (städtisches Jugendzentrum); Wischlingen (1972–77, autonomes Zentrum in Selbstverwaltung), Abriß; Wörthstr.; Fuchsbau; besetzter Heidehof; Verlag pläne

Duisburg: Eschhaus (gegründet ca. 1972; autonomes Jugendzentrum, Abriß); Shalom, Der Laden, Finkenkrug, Bürgerhof (Szenekneipen), Rheinpreußen-Kolonie (Siedlungskämpfe, Abriß), besetzter Bahnhof Neumühl (in Selbstverwaltung, Prozesse); Internationales Zentrum (Ausländerkulturtreff) und Exile (Kulturkooperation), Fabrik, Siegstraße, Junkernstraße, Burgacker

Essen: Podium (Szenekneipe); Städtisches Jugendzentrum Essen (JZ Papestraße); Hausbesetzung in der Segeroth-Straße, Villa Berkel u. a.

Gelsenkirchen: Pappschachtel (städtisches Jugendzentrum), Hausbesetzung in der Auguststraße.

Mülheim (Ruhr): Malzfabrik, besetzt.

Oberhausen: Asso-Verlag (Liederbücher, Lieder gegen den Tritt, Schlaraffenland), K 14 (Kulturfabrik Lothringer Straße), Eisenheim-Siedlung.

Recklinghausen: Junges Forum im Ruhrfestspielhaus, DGB (1. Mai, politisches Theater)

Witten: Folkclub Witten (seit 1974 bis heute), „Folk-Mutter“ Hildegard Doebner, Kinderstube und Zentrale der Folk-Szene im Ruhrgebiet, internationale Gäste. Motto: „Wir sind der Folk“.

Kurze Übersicht weiterer
           Liedermacher, -sänger und -gruppen in den siebziger Jahren        
42

Fred Ape, Dortmund: Lieder und Songs seit 1973, Falken, Arbeiterjugendtag (Sporthalle Köln); LP „Mein Job wird immer härter“, Falkensampler 1978, Wischlingen, Häuserkämpfe, später Folk-Rock mit Beck und Brinkmann.

ASH Pelikan, Duisburg: Songschreiber, solo 1972–77, Kant-Park-Szene, Eschhaus, Bluesund Rockmusiker, Sessions-Bands u. a. „Duisburger City Rock’n’ Roll All Stars“.

Beck & Brinkmann, Dortmund: Politische Lieder, Wischlingen, Friedensbewegung und Besetzungen. Gegen Neonazis. Folk-Rock mit Ape.

Peter Bursch & Bröselmaschine, Duisburg: Pop-Formation, Instrumentalstücke,

 

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Fasia Jansen.                                                                              Foto: unb.

 

Schöner Wohnen – Abber fix! Nach dem Motto:
"Lieder, Reggae, Rock und Dampf – Kohle für den Häuserkampf".
Aufgenommen am 28. und 29. Oktober 1981 in Bochum und Mülheim. Der Erlös aus dem Schallplattenverkauf ging an den Rechtshilfefonds für Hausbesetzer im Ruhrgebiet.

 

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Schöner wohnen - abber fix -  
                                              LP - Cover: Jo Son.-  pass op.

Peter Bursch
Gitarrencrack, Sitar, Jugendzentrumsbewegung, Eschhaus; später „Gitarrenlehrer der Nation“, veröffentlicht Gitarrenschulen ohne Noten: „Gitarren-Buch 1 und 2“, später „Das Folk-Buch“; LPs „Bröselmaschine I und II“, „I feel fine“, 1978 u. a. mit Klaus Dapper (sax), Willi Kissmer (git). LP „Peter Bursch“ 1981 mit Song „Steig ein in meine Welt“.

Pit Budde, Dortmund: Straßenmusiker 1968–72, Gitarrist, Songschreiber,

Jugendzentrumsund Bewegung, vorher Barleycorn, Manderley; Wischlingen, später: Cochise.

Dicke Lippe, Bochum: Seit 1978, FolkDuo, rotzfreche Ruhrpott-Sprache, Szene, Folkclub Witten, LP „Jagdfieber“, gegen Resignation mit Humor und angewandtem Mut, später Geier Sturzflug.

Fasia, Oberhausen: Volkssängerin, Ostermarschiererin von 1960–97, politische Lieder gegen Vietnam, Atomwaffen, Rassismus, Gewalt, sang mit den Frauen vor Ort: z. B. den Hoesch-Frauen, den Rheinpreußen-Leuten beim Hungerstreik 1979, für die Gewerkschaftsjugend beim Antikriegstag, LP „Fasia“, 1975 mit „Erwitte-Lied“, „Lied vom Beitrag“, „Arbeitslosen-Blues“.

Frank der Schwartenhalß, Duisburg: Traditionelle Lieder und Instrumentalstücke, Rauf& SaufLieder, Mittelalter; Tänze zur Drehleier, Flöten, LP „Spielmannslieder“, Duisburger Szene.

Franz K., Witten: gegründet 1969, Gebrüder Peter & Stefan Josefus, Rockmusik, harte aggressive Texte und Musik, Jugendzentrums-Bewegung,

autonome Gruppen: Gründer Rock gegen Rechts, Arbeitslosigkeit, Krieg. LP „Das Goldene Reich“, „Sensemann“ (1972), „Rock in Deutsch“ (1973) und später „Bock auf Rock“ und „Geh zum Teufel“.

Krempeltiere, Duisburg: seit 1976, IG-Metall-Jugend, Songgruppe, Stahlstreik 1978–79, Festival des politischen Liedes, Prag 1977, u. a. Schorsch Horward.

MEK Bochum, Bochum: Straßenmusiker 1976–82, Volks-Punks, Reggae, Aktionen, Demo gegen Paragraph 88 a, Zensur, für Hausbesetzer-Szene, Friedensdemo, AKW Brokdorf, Mobile Einsatz-Kapelle u. a. mit Roman (b), John (git), Lutz (Geige), Doro (Cello), Vocal: alle singen, LP „Trödel Jödel“, 1979, „Kleine Militanz Musik“, 1981, Brokdorf-Sampler „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ mit „Rasterfahndung positiv“.

Stahlkocher, Dortmund: Agit-prop-Veteranen der ersten Stunde, alte Songgruppe, Streikund Gewerkschaftslieder, traditionelle Arbeiterlieder, u. a. Franz Lopateki, Sänger.

Stefan Stoppok, Essen: Seit 1973, Volkslied, traditionelle Lieder und Straßenmusik bis 1977, Folk-Duo Stoppok & Porada; Krautrockband Schröder u. a. mit „Wenn ich an der Wupper schnupper“. Bluegrass, Gitarrencrack, Einstieg über Folkclub Witten, eigene Songs seit 1977/78, u. a. "Gelbes Pferd, grüner Bär"; Musik zu Texten von Uwe Wandrey, Weigand, B. Conrads u. a., später StenderBand u. a. mit Julian Dawson, Tourneen und Konzerte.

Teewurzelloewe, Duisburg: Songgruppe, traditionelle Lieder, politische Lieder, u. a. Brecht, Agitprop.

Was-tun-Band, Essen/Oberhausen: 1974–80, Industrie-Rock, LP „Zwischen Kokerei und Kanal“, 1975, und „Juke-Box“, 1978, Polit-Rock mit deutschen Texten, u. a. Dieter „Bubi“ Scholz, Frontmann.

Ährwin Weiss, Castrop-Rauxel: Schlagersänger seit Anfang der siebziger Jahre, populärer Entertainer, Single-Hit „Wenn dich dat Mäusken beißt“, LP „Da kenn ich nix, da bleib ich Kumpel“, 1977.

Werner Worschech, Bottrop: seit 1972, Liedermacher, eigene Lieder, trad. Liedgut, Vertonungen von Texten u. a. von Autoren der Arbeiterliteratur-Werkstätten. LP „Kohlengräberland“ (1978) als Hommage an den Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen (um 1889). Sampler: „Mein Vater ist war Bergmann“ und „Vom Pütt und vonne Maloche“ (1980), u. a. mit Fasia und Frank Baier und „Nürnberger Bardentreffen“ (1978).

Trauriger Mann Blues

Mann, bin ich einmal sauer, dann sing ich den bösen Blues
Und ich red mit meinem Freund darüber, was man tun muß
Warum soll’n wir unten sauer sein, damit oben alles lacht
Genau das war’s, das habn wir falsch gemacht

                                                                                                 Peter Kaiser und Klaus der Geiger. Foto: Ines Kaiser.

Die einen hören auf zu wählen, weil sie nicht mehr wolln
Die andern fangn zu schießen an, soll den Staat der Teufel holn
Der Dritte macht die Matte kahl und sagt: Ich steig jetzt aus
Doch das hilft uns allen nicht aus der Scheiße raus

Hör bloß nicht auf zu singen, auch wenn du traurig bist
Ich werde weiter singen, obwohl mir’s danach oft nicht ist
Mann bist du einmal sauer, dann sing auch mal den Blues
Das heißt längst nicht, daß alles traurig bleiben muß

(Auszug, dt. Text: Frank Baier, Musik: trad. "Worried Man Blues", 1975/80, gesungen von BaierWestrupp
43 und Walter h.c. Meier Pumpe)

Leben – Kämpfen – Solidarisieren:
                                         „Kultur von unten“ oder "“Wie hätten Sie’s denn gerne?“

Wenn wir aus unseren Nestern und Brutstätten nach draußen mußten, weil Aktionen anstanden, ob in Kalkar, Duisburg-Bruckhausen, vor Thyssen Tor 1, bei den Hausbesetzern oder den Zechensiedlungen, denen der Abriß drohte. "Raus, nach draußen, Jacke an. Gitarre unter’m Arm." Hier, vor Ort, entstanden die neuen Lieder.
So wurde „Ein kapitales Schwein scheißt in den Vater Rhein“ bei der Demonstration gegen das petrochemische Werk der Veba im Orsoy-Rheinbogen im Juni 1971 gesungen.

Rotes Liebeslied

                                 ... ich ging weil ich für Wärme
Und auch für Dicke schwärme, mit ihr ins Ufergras
Der Rhein floß dumpf und träge
Wir wippten in der Schräge und hatten unsern Spaß
Wir sind ins Gras gesunken
Sie hat mich ausgetrunken
Und so beim Niedersinken
Begann der Rhein zu stinken

Ein kapitales Schwein scheißt in den Vater Rhein
Es tut auf Uferwiesen Chemie die Lieb’ vermiesen
Mein Schatz es stinkt auch balde im schönen deutschen Walde
Beim Regnen, mußt du wissen tun nicht nur Engel pissen...

(Auszug,
 Text : Thomas Rother,
          Musik : R. Hucklenbruch
, gesungen von der Gruppe Katton
g                 44)

 

Foto 1401

 "Rhein! Betreten verboten"
                  Karikatur mit dem Text: ...
                 "wenn das Wasser ist, bin ich Jesus;"     von Walter Kurowski, Juni 1971.

Th Rother liest 1971

Thomas Rother liest den Text "Rotes Liebeslied" -  auf dem LKW-Anhänger.
                                              "Ein kapitales Schwein scheißt in den Vater Rhein..."

 

Das Lied wurde auf der Kuhwiese im Orsoy-Rheinbogen vom LKW-Anhänger gegen das Veba-Werk gesungen. Die letzte Frischluftschneise vom Westen her für das Ruhrgebiet schien mit der geplanten Anlage verloren. So verfehlte das Lied seine Wirkung nicht. Es kam auf den Index „Pornografie“ und durfte – zunächst in Bayern – nicht mehr gesendet werden. Grund genug für die Jusos in NRW, das „Rote Liebeslied“ als Single unter die Leute zu bringen.
Das Werk wurde nicht gebautnicht dort, nicht bis heute.

Kattong Liebeslied 72 1

Single:  
             "Rotes Liebeslied"     - verboten

 

Sternstunden von „Leben – Kämpfen – Solidarisieren“ waren die Konzerte in der Grugahalle Essen gegen AKW, Zensur, Unterdrückung und Mietwucher. Von dem vom
27. und 28. November 1976 wurde eine Doppel-LP veröffentlicht,
organisiert vom   Spanischen Kulturkreis in Essen.

Der meinte dazu: „...
Wir haben dieses Fest ›Leben – Kämpfen – Solidarisieren‹ genannt, weil wir meinen, daß Leben sehr schön ist, daß sich aber dieses Leben nicht lohnt, wenn man nicht kämpft, um seine Werte zu verteidigen, daß dieser Kampf aber nur zu gewinnen ist, wenn wir uns helfen, wenn wir solidarisch sind. [...] das ist keine Parole, sondern ein politischer Inhalt, der unsere Arbeit in Zukunft bestimmen muß. [...] es geht um Zusammenarbeit unter den Betroffenen selbst, unter denjenigen, die keine starken Parteien, keine Gremien und Apparate hinter sich haben, die auf ihre eigene Kraft angewiesen sind.“45

Die Gruga-Halle platzte aus allen Nähten – 20 000 Leute. Initiativen aus dem Ruhrgebiet informierten über ihre Arbeit mit Ständen, Filmen und Dias. Es ging gegen AKW und Umweltdreck, gegen den Abriß von Zechensiedlungen, gegen die Privatisierung und den Mietwucher, gegen den Autobahnbau und mehr. Es kamen Initiativen aus Betrieben, Krankenhäusern, Jugendzentren, es kamen Ausländergruppen, Schwule, Kinder – alle.

Und es gab regionale und internationale Unterstützung für das Ruhrgebiet, Liedersänger und -gruppen, Kabarett und Volkstheater, so aus Köln der Straßenmusiker Klaus der Geiger, auch „Der Wahre Anton“ mit Heinrich Pachl und Richard Rogler; aus Berlin die Gruppe Ton Steine Scherben (Rauchhaus-Song, Guten Morgen). Liedermacher waren dabei: Wolf Biermann, Frank Baier und Walter Moßmann (Wyhl, Dreiländereck). Aus Italien, Spanien, Chile, Portugal und Uruguay trafen u. a. Franco Trincale, José Alfonso, Isabel & Angel Parra, Quintin Cabrera, Velaquez, de Sevilla ein.

Die Initiative des Spanischen Kulturzentrums war beispielhaft: Ein riesiges Fest wurde gefeiert, die Initiativen knüpften Kontakte, die vielbesungene Solidarität wurde Wirklichkeit, der Erlös der Schallplatte und der Veranstaltung gingen in die Initiativarbeit gegen Repressionen in der Bundesrepublik. Aus jener Zeit stammt auch der Spruch: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“

 

Ballade vom zufälligen Tod in Duisburg

Im Jahre dreiundsiebzig kam
Ein Mann umsonst zu Mannesmann
Der war entlassen, so über Nacht
Der hat im Streik zu laut gedacht
Und sich um seinen Job gebracht
Im Juni vierundsiebzig dann
Klagte er gegen Mannesmann
In Duisburg vor dem Arbeitsgericht
Ach, das Gericht war taub und blind
Recht gegen Reichtum gibt es nicht
Im Gerichtssaal war es heiß
Mancher Mann schrie laut, wie ich weiß
Und ein Gesang kam aus dem Geschrei
Die ›Internationale‹ tönt
Häßlich im Ohr der Polizei
Die schlugen zu
mit kaltem Blut
Ich weiß, die schlagen gern und gut ...
... Günter Routhier war auch dabei ...
(Auszug,
Text: Walter Moßmann, 46 Musik nach dem französischem Volkslied „Le roi a fait battre tambour“)

Von den "Liedern gegen Atomenergie" ist vor allem die Aktion für Bauer Maas zu erwähnen – der Bauer aus Hönnepel bei Kalkar.

Bauer Maas Front

Die LP heißt
                 „Bauer Maas - Lieder gegen Atomenergie  “ (pass op, 1978).

 

Lied vom Bauer Maas

... um den Prozeß für uns zu führen
Als einzelne Person
Dafür brauchen wir ’ne Menge Geld
Na und, was macht das schon
Die kriegen wir zusammen
Und wenn wir singen geh’n
In Kalkar soll kein Kraftwerk
kein Schneller Brüter steh’n ...
                                                            (Auszug, Text und Musik: Frank Bai
er)

1978 waren die Kosten für Prozesse gegen die Baugenehmigungen des „Schnellen Brüters“ aufzubringen. Es ging um 50 000 DM. Wir bekamen sie mit den „Holländern“ gemeinsam annähernd zusammen. Bauer Maas hielt seinen Kopf – und mehr als das – dafür hin. Als einzelne Person, stellvertretend für uns alle, prozessierte er bereits seit 1972 gegen das AKW und trug als Einzelkläger auch das Risiko der hohen Kosten. Wir wollten keinen Schnellen Brüter vor unserer Haustüre, wie er ihn bekam. Und deshalb unterstützten wir diesen mutigen Landwirt und Querkopf. Die Resonanz der angeschriebenen und befreundeten Musiker war ermutigend: Lieder wurden neu geschrieben, Texte entworfen, tagelang im Studio neue Stücke aufgenommen.47 Die AKW-Bewegung zog mit, kaufte und vertrieb. Die LP „Bauer Maas“ ging in die 2. und später in die 3. Auflage. Das Geld floß komplett in den Rechtshilfefonds. Heute, über zwei Jahrzehnte später, wissen wir es: Diese Prozeßkostenhilfe und auch die Hartnäckigkeit des Bauers Maas während des Prozeßverlaufes gaben vermutlich den Ausschlag, das Verfahren der Baugenehmigungen für die Industrie so unerträglich in die Länge zu ziehen. 1999 war der Ausstieg aus der Atomenergie Bestandteil des Regierungsprogramms.

Der „Schnelle Brüter“ ist in die Knie gegangen. Die Demo am 24. September 1977 mit ca. 50 000 Leuten war für die Lobby noch zu verkraften – das war ein Machtspiel. Aber die Auswirkungen unserer Lieder nicht, wie uns scheint. Es war eine Schallplatte mit elf Liedern von Saitenwind, Bruno & Klaus, Fiedel Michel, Tom Kannmacher, Frank Baier, Walter Moßmann, Kladderadatsch (Niederlande) und Schmetterlinge (Österreich) u. a. als Rechtshilfefonds der AKW-Bewegung.
Ein Lehrbeispiel für Solidarität und Demokratie.

 

  Hände über Hönnepel

... Hände über Hönnepel – Hände über’m Land
Wessen Hände halten hier alles in der Hand
Deine Hände sind es nicht, die sind von Arbeit rauh
Die halten hier die Zügel nicht
Das weißt du ganz genau
Wir weichen hier nicht mehr zurück
Sie wissen es nur zu gut
Bis unser eigenes Geschick
In eigenen Händen ruht ...

(Auszug,
         Text: H. Unger, Musik: Resetarits, Herrnstadt,
                                                               gesungen von der Gruppe Schmetterlinge, Wien48)

Im Stahlstreik von 1978–79
zeigte sich im Ruhrgebiet eine übergreifende Zusammenarbeit der Liedermacher, die „Vernetzung der Regionalisten“. „Nie wurde bisher so lange im Ruhrgebiet gestreikt, nie waren die Fronten so verhärtet, nie war es bei einem Arbeitskampf so kalt draußen und die Gemüter so erhitzt“, so sagten uns die“alten“ Stahlstreiker und Streikposten an der Kokstonne vor dem Werkstor der Thyssen-Hütte in Duisburg-Meiderich. Einige hatten sogar noch den Stahlstreik 1928 – also 50 Jahre davor – miterlebt.49 Damals zählte man 20 000 Ausgesperrte. Am 1. Dezember 1978 waren es 30 000 Ausgesperrte und ca. 38 000 Streikende in den Betrieben. Es sah alles nicht gut aus, es konnte nur noch Verlierer geben. Aber nie wurde so viel gesungen im Ruhrgebiet wie während des sechswöchigen Stahlstreiks (vom 28. November 1978 bis zum 11. Januar 1979). Und neben der Solidarität der Metaller erstaunte uns ein weiteres Phänomen: die Vernetzung der „regionalen“ Künstler aus dem In- und Ausland funktionierte. Im Zentrum standen Liedermacher und Musiker aus dem Pott, Fasia, Kuro, die „Stahlkocher“ aus Dortmund, die Duisburger Songgruppe Krempeltiere und viele andere. Ein „Streik-Hit“ kam von den Krempeltieren. Sie sangen: „Mit 35 Stunden geht’s voran“ auf die Melodie „Von den Blauen Bergen kommen wir“. Die Textblätter wurden verteilt, und sofort konnten die „Brecher und Schränke vom Hochofen“ mitsingen:

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Stahlstreik1978/79 in Duisburg.                                                               Foto: Werner Hewig.

 

Mit 35 Stunden geht’s voran

Wenn wir schuften Tag für Tag in der Fabrik
Brechen sich viele von uns für euch das Genick
Ja, ein Menschenschicksal zählt bei euch nicht mit
Eure Sorgen gelten nur eurem Profit
Nun schon wieder sagt ihr uns: Ihr zahlt allein
Da sagen wir zur Arbeitsplatzvernichtung : nein ...

Recht auf Arbeit für die Frau und für den Mann
Schluß mit Arbeitslosigkeit – mit Entschlossenheit
Packen wir die 35 Stunden an!

(Text: Krempeltiere, Duisburg;50 Musik: „Von den Blauen Bergen“)

 

Foto 1126Rheinpreußen ruft Alarm:
Hungerstreik vor dem Duisburger Rathaus am 5. Februar 1979 für den Erhalt der Rheinpreußensiedlung: die Gruppe Teewurzelloewe mit Frank Baier,
unter dem mittleren Plakat Ernst Born aus Basel (Gitarre),
Fasia (Akkordeon) und Walter Kurowski (Baß).
                                                                                                                                 Foto:    Werner Hewig.

 

Wir bekamen Verstärkung. Die Schmetterlinge aus Wien waren zur Zeit auf einer Tournee und machten spontan während einer „Konferenz der Vertrauensleute“ ein Solidaritätskonzert bei Mannesmann in Hüttenheim. Und Hannes Wader sang bei einer Betriebsversammlung der
Hoesch-Leute.

Aber: Morgens beim Schichtwechsel um fünf Uhr war es nicht selbstverständlich, daß ein Wolf, nämlich Wolf Biermann, bei minus fünf Grad mit aufstand und nach vorne zum „Thyssen-Tor 1“ ging. Das ist schon eine Nummer für sich, wenn dir vorne die Finger am Griffbrett der Gitarre festfrieren und hinten die Jacke anfängt zu qualmen, weil du versuchst, bei den Temperaturen so nah wie möglich mit dem Rücken an der glühendheißen Kokstonne zu stehen und du zu spät merkst, daß dir schon der Hintern brennt. Biermann machte u. a. ein Solidaritätskonzert gemeinsam mit den Krempeltieren für die Thyssen-Leute. Aber der wirkliche
„Hit“ des Stahlstreiks 1978/79,  von allen und immer wieder mit neuen und abgewandelten Strophen gesungen, war „Keiner schiebt uns weg“:

Keiner schiebt uns weg!

Keiner, keiner schiebt uns weg 
Keiner, keiner schiebt uns weg –
So wie ein Baum beständig steht am Wasser
Keiner schiebt uns weg.

... der Kompromiß ist ein Beschiß
Keiner schiebt uns weg
Auch wenn er vom Minister ist
Keiner schiebt uns weg
So wie ein Baum ...

(Auszug,
Musik: trad. "We shall not be moved"51 (USA), Text: von allen, spontan )

Ein Lied, überliefert und aus dem Streik heraus wiedergeboren auf der Straße, vor den Werktoren vom Volk gesungen. Dieses Lied gehört allen: ein Volkslied.

Kurz nach dem Ende des Stahlstreiks wurden erneut Liedermacher auf den Plan gerufen. „Rheinpreußen ruft Alarm“ hieß die Aktion, die sich mit einem Hungerstreik von Bewohnern der Rheinpreußen-Siedlung vor dem Duisburger Rathaus im Februar 1979 verband. Es war bereits der dritte und diesmal unbefristete Hungerstreik auf den Rathaustreppen. Der Abriß der Siedlung konnte bereits gestoppt werden. Aber jetzt ging es um den langfristigen Erhalt und die sofortige Beendigung der laufenden „Privatisierung“. Die Hungerstreikenden wußten nicht, ob gerade zu Hause ihre Wohnung von der BHF-Bank im letzten Augenblick an einen neuen Eigentümer verkauft wurde. Die Konsequenz hieß: Vertreibung der alten Mieter aus ihren Zechenhäusern. Der Druck, der auf allen lastete, war groß, auch der auf der Stadtverwaltung und den Parteien. Die Situation war angespannt. Das Durchschnittsalter der streikenden Bewohner war ca. sechzig Jahre. Es standen Leben und Gesundheit der meisten auf dem Spiel. Auf der anderen Seite ging es um Millionen, die die Stadt Duisburg, sozial gebeutelt und krisengeschüttelt, schlichtweg nicht hatte.

Während des Hungerstreiks gab es für die „Bürgerinitiative RheinpreußenSiedlung“ nur eine Chance: Öffentlichkeit herstellen. Und das geschah. Vor dem Rathaus. Sie sangen, ob die Kameras surrten, die Funk-Mikrofone auf Sendung waren – oder ob es einfach nur naßkalt den Hungernden auf ihren Liegen von unten durch die Decken kroch. Die Rathaustreppen wurden zum regionalen Treffpunkt – Tag und Nacht – und zur Kulturbühne.

Zu einem Solidaritätskonzert am 12. Februar 1979 kamen fast 300 Menschen aus Duisburg und aus dem Ruhrgebiet. Stahlstreiker brachten eine ihrer Streik-Kokstonnen und kippten eine Tonne neben die Rathaustreppe. Fasia hatte ihr Akkordeon mitgebracht, Kuro den dicken Baß, Teewurzelloewe und die Krempeltiere waren musikalisch fast komplett ausgerüstet. Es gab fünf bis sechs spielfähige Gitarren. Es kamen Pott-Jazzer, und der Schweizer Liedermacher Ernst Born aus Basel sang Brecht-Lieder. Dann wurde ein Lied geboren: Richard Limpert aus Gelsenkirchen, Maschinist und Arbeiterdichter, brachte sein brandneues „Gedicht“ mit: „Rheinpreußen ruft Alarm“. Er mahnte lautstark zur Ruhe und las den Text vor. Fasia sang bereits heimlich mit. Fasia sang immer, auch wenn es nicht zu hören war. Ein Lied, von Fasia oft beim Ostermarsch gesungen, paßte auf das Versmaß von Richards Zeilen. Das Lied kannten wir fast alle! Und es erklang aus dem Stand mit mindestens zehn SängerInnen und fünf Gitarren – live – vor den hungerstreikenden Frauen und Männern:

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Solidaritätskonzert am 12. Februar 1979

 

Rheinpreußen ruft: Alarm

... Ich lieg auf meiner Liege
Rheinpreußen ruft: Alarm
Das Fell von einer Ziege
Hält mir die Nieren warm
Ein Flugblatt läßt mich wissen
Der Siedlung droht Gefahr
Der Mieter wird beschissen
Wie es schon öfter war

Die Menschen, die dort wohnen
Die setzen sich zur Wehr
Noch mehr Profit für Drohnen
Die scheffeln immer mehr
Die Hunger-Streiker frieren
Für Wohnrecht und Erhalt
Auch Frauen demonstrieren 52
Am Rathaus ist es kalt

Ich muss zur Rathauspforte
Noch ist es nicht zu spät
  
Was nützen große Worte
Von Solidarität
Mit einem warmen Hintern
Bei fünfundzwanzig Grad
Am Ofen überwintern –
Ist Arbeiterverrat
    

Gemeinsam wolln wir zeigen
Wir stehen Frau und Mann
Hier darf kein Bürger schweigen
Das geht uns alle an ...
(Auszug,
Text: Richard Limpert, Musik: Hannes Stütz, "Ein Bomben ist gefallen", Arr.: Frank Baier, Fasia53)
                                                             

 

Foto 1125

Als die Mieter frech geworden ...
                       Lieder aus der Rheinpreußensiedlung -   EP und Begleitheft von 1985

  

Den Hungerstreik beendete nach 18 Tagen die erlösende Nachricht: Die Stadt Duisburg kauft die Siedlung, die Häuser sind gerettet! Sofortiger Stop der weiteren Privatisierung. Später erhielten die Bewohner einen Pachtvertrag der Stadt für 99 Jahre. 1984 wurde eine Genossenschaft gegründet, die Bewohner konnten als Mieter wohnen bleiben.54

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Hungerstreik -  Winter 1979
  Fasia spielt auf den Rathaustreppen
                  für die streikenden Frauen

 

Ähnlich wie im Falle des Bauer Maas galt es, Hausbesetzern im Ruhrgebiet bei Gerichtsverfahren beizustehen. In erster Linie ging es um die Prozeßkosten. Hierbei entstand das Motto
„Schöner Wohnen – Abber fix !“. Mit dem Slogan
„Lieder, Reggae, Rock und Dampf – Kohle für den Häuserkampf“ der Besetzerräte aus Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, der sich u. a. an die Mieterinitiativen Ruhr und die Musikerszene im Ruhrgebiet, an Gruppen, Combos und Liedermacher richtete, kamen zwei Konzerte im Oktober 1981 zustande. Es waren Konzerte mit Ape, Beck & Brinkmann, Werner Worschech & Guy Bitan, MEK Bochum, Frank Baier, Geier Sturzflug, Cochise und Salinos. Der Erlös war für den Rechtshilfefonds der Hausbesetzer im Ruhrgebiet bestimmt. Ein Mitschnitt wurde als LP-Sampler veröffentlicht. Die Konzerte fanden in Bochum am 28. Oktober 1981 in der besetzten Mensa der Uni und in Mülheim am 29. Oktober 1981 in der Stadthalle statt; eigentlich war die besetzte „Malz-Fabrik“ vorgesehen gewesen. Die Organisatoren hatten eine klare Vorgabe: Alles! Der gesamte Erlös aus den Konzerten und Platten wurde in den Rechtshilfe-Fonds "gefletscht"!

Das Haus

Das Haus ist zugemauert
Das Haus stand lange leer
Es hat bis heut’ gedauert
Wir stell’n es wieder her
Wir stell’n es wieder her ...

Wir stehen auf der Treppe
Da bricht die Haustür auf
Sie bilden eine Kette
Und stürmen in das Haus
Helmvisier geschlossen
Den Knüppel in der Faust
Wir liegen auf dem Boden
Und halten’s kaum noch aus ...

(Auszug,
Text: Fred Ape, Musik: Ape, Budde, gesungen von Ape, Beck & Brinkmann, Dortmund55)

Das Prinzip war bekannt, die Gangart auch: Die Prozeßwelle, die auf die festgenommenen Hausbesetzer zukam, sollte den Spuk der Besetzungen im Ruhrgebiet endgültig beenden, und die Prozeßkosten sollten sich verheerend auf die Moral der Szene auswirken. Die Szene reagierte: „mit uns nicht! Die angeklagten Hausbesetzer sollen durch die hochgetriebenen Prozeßkosten existentiell bedroht und kleingefahren werden. Wir machen Dampf!“ Diesmal ging es um runde 200 000 Mark. Wie bei Bauer Maas steckte das pass op-Label in Moers dahinter. Es legte einen Tonmitschnitt der beiden Konzerte als eine LP vor. Nicht eine einzige Mark an Gage ging ab, sondern alle Einnahmen floßen dem Selbsthilfefonds für die Prozeßverteidigung zu.

Die besetzte Mensa der Universität Bochum war in einem desolaten Zustand: kein Strom, keine Heizung, die Fenster eingeschlagen – katastrophal. Der letzte große „Ratschlag“ mit allen Organisatoren, mit den Besetzerräten und Musikern zeigte aber: Wir sind fit, auch fachlich. Die Fenster wurden zugenagelt. Wir besorgten uns eine fahrbare Netz-Ersatzanlage (NEA, 22 KW-Generator), von eigenen ElektroFachleuten und Ingenieuren geplant und betrieben. Beim Konzert brannte das Licht, liefen die PA-Anlage und die Tonbandmaschinen. Der Saal kochte. 2500 Leute und die Musiker „on stage“ heizten genug ein. Texte und Lieder waren klar und deutlich, und die Sprache „pot“ und dreckig. Die NEA tuckerte draußen – gut bewacht – vor sich hin. Die Menge feierte Geier Sturzflug mit dem „Star vom Polizeifunk“ und „Hard Rock Café“. Es war Musik „Ruhrpott“ pur, sie kam aus dem Bauch, war weder zu „kaufen“ noch kommerziell zu vermarkten. Nachts fuhren Leute mit Kanistern zur Tankstelle, weil das Ende des Spektakels noch längst nicht in Sicht war und der Dieselmangel der NEA unseren schönen Mitschnitt für die LP bedrohte. Cochise sang „Jetzt oder nie!“ und traf genau den Nerv. Alle sangen mit, weil fast jeder die Texte der Szenecombo kannte:

Jetzt oder nie, Anarchie!

Wir wollen keine Bullen
Die uns prügeln
Wir wollen keine Gesetze
Die uns zügeln
Wir brauchen keine Städte
In denen wir ersticken
Wir wollen keine Bürger
Die reichen, fiesen, dicken ...
Jetzt oder nie, Anarchie!

(Auszug,
Text und Musik: Pit Budde, gesungen von Cochise, Dortmund56)

Erschreckend klar war auch, daß fast alle Texte, auf der Bühne in dieser Nacht gesungen, von der Gewalt durch den Staatsapparat handelten: „Das Haus“, „Der Schlag“ von ABB, „Macht macht Angst“ von Frank Baier, 57 sogar „Keine Bewegung“ von Salinos und „Lied von der Auguststraße“ von Werner Worschech.58 Die „gelbe Platte“ mit der Riesen-Fletsche wurde ein „Knaller“. Das Geld floß reichlich aus der gesamten Szene des Ruhrgebiets, und die Prozesse wurden halbwegs abgefedert. So soll es sein: Leben – Kämpfen – Solidarisieren – im Ruhrgebiet, „aber mit Späßken“, bitte ...

                    Szenen - Netz
                                            -   die Essener Szene  - 

Foto 1124

Musik-Szenen im Pott

 

4. Lieder der achtziger Jahre:
                           von „Rauchzeichen ...“ bis „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“

Rauchzeichen

Wenn ihr den letzten Baum zerstört
Dem letzten Fluß die Klarheit nehmt
Den letzten Wilden habt bekehrt
Der letzte Vogel nicht mehr singt ...
Werdet ihr erst dann einseh’n
Daß ihr euer schönes Geld
Auf der Bank nicht essen könnt
Welch’ Menge ihr auch nennt ...

(Text & Musik: Fred Ape; gesungen von ABB59)

 

Ape, Beck & Brinkmann:
Regenbogenland. Klaus Beck, Peter Brinkmann, Fred Ape und KlausWerner Wollnowski (Technik) widmeten ihre Aufnahme vom Juni 1982 Greenpeace. Schallplatte des FolkFreak-Labels im Vertrieb von Geier Sturzflug: Bruttosozialprodukt, Schallplatte der Ariola.

Die Ära der Hauruck-Liedermacher mit ihren „Hammersongs“ und den „Brechstangen-Liedern“ ging zu Ende. Die ideologisch zugespitzte Verbalakrobatik ließ die neue Generation kalt. Nur die „Faust gereckt“ war out. Nun kam eine andere Qualität, ein neues Liedgefühl, eine andere Sprache. Musik und Text veränderten sich. Es rockte mehr. Die Verbissenheit wich einer lockeren Schnoddrigkeit: Der Bier(mann)-Ernst war draußen, dafür hieß es „dat muß doch auch wat Späßken bringen“. Die Musikgruppen mauserten sich zu Combos und Truppen, die mehr auf „Abfahr“-Musik setzten mit Saxophon und Bläsersatz, zwei E-Gitarren, Baß und Schlagzeug. Die PA-Anlagen wurden professioneller mit großen Mischpults, Monitoren on stage etc. Das Equipment kostete, also mußte der Saal voller sein.

Der Liedermacher der sechziger und siebziger Jahre mit seiner Klampfe oder Quetsche – mit oder ohne Bergarbeiter-Hemdchen – konnte mit seiner Finsternis noch bei Gewerkschafts- oder Demo-Veranstaltungen zur Höchstform auflaufen. Die Entwicklung bei Ape, Beck & Brinkmann war bezeichnend: Sie brachten nun FolkRock vom Feinsten, mit Texten von ökologisch bis futuristisch wie das „Regenbogenland“ und „Die Träumer sind die Ersten“, mit einem sauberen Sound, astrein abgemischt, fast studioreif.

Regenbogenland

An dieser Schwelle zum Atomtod
Was ist noch unser Leben wert
Wenn Wahnsinn längst schon ganz normal ist –
Und sich kaum einer daran stört
So sind wir doch ein Stück Geschichte
Und das Leben fällt uns schwer
Doch sollen unsere Kinder wissen
Da gab es eine Gegenwehr

(Auszug,
             Text & Musik: Fred Ape, gesungen von ABB6 0)

Die Songs schrieb meist Fred Ape. Themen waren Umweltzerstörung, Entfremdung und ganz persönliche Sehnsüchte. Es waren Balladen, Chansons und Folk-Rock mit deutschen Texten. Die Gruppe nahm die LPs „Im Laufe der Woche“6 1 (1980), „Regenbogenland“ (1981), „Die Träumer sind die Ersten“ (1984) und „Wilde Motive“ (1986) auf und brachte auch Song-Hits, „Rauchzeichen“, „Lauf“, „Trotzdem weiter“, „Eine Spur zuviel Salz“, „Regenbogenland“. 1979–88 hatte die Gruppe ca. 1200 Auftritte.

Noch deutlicher zeigte sich die neue Entwicklung in Bochum: Geier Sturzflug, früher Dicke Lippe, rückte mit einem nicht brandneuen, aber starkem Pott-Reggae nach vorn an die Rampe. In der Küche von Hildegard Doebner (Folkclub Witten) waren Friedel Geratsch und Co. über Elster Silberflug hergezogen: „... dann nennen wir uns Geier Sturzflug, kommt einfach besser“. Der Hit von 1982 war das „Bruttosozialprodukt“. Ihn hatten sie schon als Dicke Lippe im Folkclub-Witten 1978 unter großem Gejohle abgesungen.

 

Bruttosozialprodukt

Wenn früh am Morgen die Werkssirene dröhnt
Und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt
In der Montagehalle die Neonsonne strahlt
Und der Gabelstapelführer mit der Stapelgabel prahlt ...
Ja dann wird wieder in die Hände gespuckt,
Wir steigern das Bruttosozialprodukt
An Weihnachten liegen alle ’rum und sagen puhuhu
Der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu
Die Gabentische werden immer bunter
Und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt ...
(Auszug,
               Text und Musik: Geratsch & Co.6 2)

Zu den weiteren Liedermachern und Gruppen, die sich während der achtziger Jahre besonders engagierten, zählen:

Frank Baier, Duisburg: Liedermacher, Musiker, eigenes Archiv, eigene Lieder und Texte, u. a. für Kampf der Bewohner in der Zechenkolonie Rheinpreußen. Sendungen: WDR-Hörfunk, Matinee der Liedersänger (live); WDR-Fernsehen: Portrait „Über unseren Kohlenpott“ wird durch Programmdirektor zensiert. Weitere Zensur: „Radiothek-Lied“, September 1980; LP „Auf der schwarzen Liste“ (1981) und Buch „Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet“ (1981). Häuserkampf-Sampler „Schöner wohnen – Abber fix!“ (1981) u. a. mit MEK Bochum, ABB, Cochise; 1982/83 Konzertreise nach Madagaskar und Tournee mit der madegassischen Gruppe Rossy in der BRD. 1983 Programm und LP „Türkisch-deutsche Lieder“ mit Mesut Cobancaoglu  (bis 1986);
1987 EP „Rheinpreußen ruft Alarm“. Lebt seit 1987 in der Rheinpreußen-Genossenschaft.

Foto 1120
Frank Baier in seiner Duisburger Wohnung, 1979. 
                                                                                                                           Foto: Florence Kraak.

 

Cochise, Dortmund: seit 1979, Folk-Rock-Gruppe um Pit Budde (Songschreiber, Gitarrencrack), Klara Brandi (Baß) und Peter Freiberg (Schlagzeug) u. a., spezieller Sound, deutsche Texte, Instrumentalstücke mit starkem Gewicht auf der musikalischen Umsetzung und den Arrangements. Eine Szene-Band der Autonomen in Dortmund und anderswo. LPs „Rauchzeichen“ (1979) mit Songs von Fred Ape und Pit Budde, „Wir werden leben“ (1981) mit „Atemnot“, „Jetzt oder nie, Anarchie“, „Letzten Somma“. Sampler-LPs „Für die Indianer“ (ca. 1982) mit ABB, René Bardet u. a. und „Schöner wohnen – Abber fix!“ (1981).

Fasia, Oberhausen: Ostermarschiererin bis 1997, Frauenbewegung. TV-Filme: „Von trutzigen Frauen und einer Troubadoura“ (Re Karen, 1987), „Frauengeschichten“ (Christel Priemer, BR 1985); Lieder gegen Menschenverachtung, Arbeitslosigkeit. Und für die Frauen: Heintze-Frauen (gleicher Lohn), Hoesch-Frauen, die Frauen von Rheinhausen ...; „Keiner schiebt uns weg“ (Streik-Hymne), LP „Fasia – Los, kommt mit“ (1981) mit Ostermarsch-Liedern an der Abschußrampe (Dokumentation). Internationale Frauen-Konferenz, Nairobi 1985. Friedenstournee 1987 durch Europa, 20 000 km, über fünf Monate gemeinsam mit Ellen Diederich u. a. Bundesverdienstkreuz Januar 1991 als „freiberufliche Liedermacherin und Sängerin“. Gestorben 29. Dezember 1997.

Geier Sturzflug, Bochum: Ruhrpott-Reggae-Combo um Friedel Geratsch, früher Dicke Lippe. Ab etwa 1980 mit Hits überregional als Profis durchgestartet. 1. LP „Geier Sturzflug – runtergekommen“ (1981), mit „Schotter blau gebündelt“, „Reggae im Ruhrgebiet“, „Marihuana“. Auf Sampler „Schöner wohnen – Abber fix!“ mit „Star vom Polizeifunk“. Single-Hits 1982: „Bruttosozialprodukt, Früher oder später“, „Euroshima“, „Besuchen Sie Europa“.

Liedermeier, Duisburg: Helmut Meier, seit ca. 1971 als Musiker und Liedermacher, später sowohl als Profi-Kabarettist als auch mit Kinderliedern auf Tournee, eigene Songs seit 1976. 1. LP „Liedermeier – Vermächtnis eines Unbekannten“ mit „Kalkar“. LP „Balance“ (1986) mit „Eisenbahnsiedlung“, „Ayshe und Ahmed“mit Barney Brands (Keyboards, Akkordeon), Frank Baier (Ukulele) u. a. Plazierungen in SWF-Liederbestenliste und Förderpreis (1986–88). LP „Herzschlag“ (1988) mit „Warum“, „Keine Angst“ und „Herzkasper“, da schon mit Uli Masuth (Klavier, Keyboards) als Duo „Meier Plus“. Kabarett- und Kinderlieder-Programme.

Norbert & Walter, Gelsenkirchen: Folk-Duo mit Liedern gegen Rüstung, Neonazis und für eine Umwelt, in der es sich lohnt zu leben. 1. LP (1981) „Leute, wo wir wohnen“ u. a. mit „Hünxe Blues“; eigene Lieder und Texte anderer Autoren. Folk-Szene, Jugendzentren.

Stoppok, Essen: Folk-Rock, Rocksänger, Songpoet, Gitarrencrack. 1. LP „Stender Band – Erfrischungen“ (1980) mit Frank Benn (Gitarre), Julian Dawson (Harfe) u. a. mit „Gelbes Pferd, Grüner Bär“, „Unten am See“ und „Wetterwende“. Startet Stefan 1982 mit der Band Stoppok und der LP „Saure Drops & Schokoroll“ mit „Pappnasen“, „... den Papst gesehen“. CD „Nie genug“, 1990 die Banjo-LP „Stoppok“ mit „Zwischen Twen Tours und Seniorenpass“ und „Ärger“. 1991 CD „A’schklar“ mit „Risiko“, 1993 CD „Happy end im La-La-Land“ – vom Local Hero zum Rockstar überregional durchgestartet. Auch die Medien begriffen es: Stoppok ist stur und originell, respektlos, nicht käuflich. Stoppoks Kopplung – Abfahr-Musik und Rock kombiniert mit

Bernie Conrads deutschen Texten – ist genial und funktioniert: „Was dir noch fehlt“ ist philosophisch, „Dumpfbacke“ ein Abräumer. Eigene feinfühlige Stücke mit Danny Dziuk wie „Wetterprophet“ und „Wie tief kann man sehn“. 1995 CD „Silber“ und 1997 „Mit Sicherheit“ als Nachbrenner aus dem eigenen Studio der Zeche "“Bonifacius“, Essen-Kray.

Zachze, Duisburg und Bremen: Michael Zachcial, als Straßenmusiker unterwegs mit Balladen, Blues, Ruhrgebietsund Kinderliedern. 1981 Preis im Schreibwettbewerb "Jugend schreibt", danach auf die Straße und auf die Bühne. MC 1988: "Wo geht’s denn hier zum Meer" mit eigenen Liedern, BrechtVertonungen u. a. MC 1989: "Himmel, Arsch und Zwirn", später Duo "Grenzgänger" (Zachze und Jörg Fröse). 1. Preis in der Lieder-Bestenliste des SWF, Folk-Förderpreis 1995 für die CD "Grenzgänger – Schiffe nach Amerika", Emigrantenlieder und Texte von H. v. Fallersleben u. a.; traditionelle und eigene Lieder. Später unterwegs mit Kinderprogrammen als "Zaches & Zinnober".

Zündholz, Gelsenkirchen: Folk-Duo, Kalle Gajewski (Gitarre) und Norbert Labatzki (Saxophon), später als Alleinunterhalter Stolzenfels – macht „Schweinkram“. Kalle weiter solo: eigene deutsche Texte und Lieder, Vertonungen von Autoren der Literaturwerkstätten, u. a. Josef Büschers „Bergmann an der Himmelstür“ und Ruhrgebietslieder, z. B CD von 1996 „Auf Schalke 04 – Hugo Consol und seine Knappen“.

Mitten im Klimawandel der achtziger Jahre stand das Lied „Himmel an der Emscher“. Es entstand 1982 zur drohenden Schließung der „Kupferhütte“ im sterbenden Stadtteil Duisburg-Hochfeld. Doch der Text sollte Bestand haben: 1987 entbrannte in Sichtweite auf der anderen Rheinseite im Stadtteil Rheinhausen ein weiterer Kampf um Arbeitsplätze. Massiver noch als in Hochfeld. Die angekündigte Schließung der „Krupp-Hütte“ mit Hochöfen und Walzwerk brachte nicht nur den Stadtteil in Wallung, sondern gipfelte in einer Protestwelle mit überregionalen Solidaritätsaktionen bis hin zu Sperrungen wichtiger Zufahrtsstraßen u. a. auf der „Brücke der Solidarität“. Nicht nur den Menschen im Stadtteil, vom Stahlarbeiter bis zum Bäcker, ging der Atem schwer, auch den Liedermachern in Duisburg und anderswo im Ruhrgebiet ging langsam die Luft aus. Darüber konnten selbst die riesigen „Aufruhr-Konzerte“ auf dem Hüttengelände nicht hinwegtäuschen. „Die Kleinen und die Sterbenden halten fest, was ihnen lieb und warm. Und die Kalten schmeißen einfach weg und laufen fort ...“

Himmel an der Emscher

Blau wird der Himmel – an der Emscher
Grün die Wälder – schönes Ruhrtal
Das Leben wird karg hier – karger als je zuvor
Menschen wandern ab – verrammeltes Fabriktor
Ref.: Bleibst du hier – an der Ruhr?
hält es dich wie zuvor?
Mutter Kohle – Vater Stahl
sterben weg – im Ruhrtal

All die Geschichten –
ich wollt sie hören
ich ging zu den Alten –
die vom Pütt mir erzähl’n.
Auch sie gingen weg und nahmen mit in ihr Grab
eine andere Geschichte, die fast mit ihnen starb.

Ich hör’ den Atem,
Wie er schwer geht bei den Menschen hier
Die Sorge macht sich breit – ja um das täglich Brot.
Die Kleinen und die Sterbenden
Halten fest, was ihnen lieb und warm
Und die Kalten schmeißen einfach weg
Und laufen fort – laufen fort

Ref.: Bleibst du hier – an der Ruhr? hält es dich wie zuvor?
Mutter Kohle – Vater Stahl sterben weg – im Ruhrtal

Blau wird der Himmel – an der Emscher
Grün die Wälder – schönes Ruhrtal
Das Leben wird karg hier –
karger als je zuvor
Menschen wandern ab – verrammeltes Fabriktor
Ref.: Bleibst du hier – an der Ruhr? ...
                                                                         (Text und Musik: Frank Baier)

Ende der achtziger Jahre war deutlich geworden: Nicht nur die Industrielandschaft begann sich zu verändern, sondern auch die der Kultur. Die Liedermacher und die Musikszene im Ruhrgebiet begannen langsam auszutrocknen. Selbst große und bekannte Gruppen wie Ape, Beck & Brinkmann oder Geier Sturzflug haben das Handtuch geschmissen oder versucht, im kommerziellen Sektor Fuß zu fassen. Den „Kleinen“ ist schon vorher die Luft ausgegangen. Wir konnten nicht mehr dagegen anblasen, uns „Alten“ fehlte mittlerweile als Sänger und Texter auch eine gewisse Leichtigkeit des Seins, mit der Politik, der Kultur und der Nähe zu den Adressaten spielen zu können. Wir waren da etwas hölzern geworden. Vielleicht liegt hier auch die Chance derjenigen, die mit ihren neuen Liedern in den folgenden Jahren auf unsere Schultern steigen können.

 

Foto 1127

                  Duisburg-Bruckhausen,  vor Frank Baiers Haustür.                         Foto: unb.

Eine andere Kulturpolitik begann zu greifen. Kultur – auch oder gerade im Ruhrgebiet – wurde als Wirtschaftsfaktor begriffen und von den „Kultur-Machern“ und Politikern als „Eventkultur“ betrieben. Mit großen „Mittel-Töpfen“ des Landes und Sponsoren im Rücken wurden „Megastars“ aus dem Ausland eingeflogen und in großen „Kraftzentralen“ an ein großes Publikum verkauft. Die „Kleinen“, ob junge Pflanzen, Wildwuchs oder knorrige Eichen der heimischen, regionalen Kultur, waren draußen. Dafür war kein Düngemittel und keine Gießkanne mehr vorhanden.

5. Die neunziger Jahre: Kommt ausse Pötte oder Wie alles weitergeht ...

Ärger

Ärger, du kannst mich nicht anschmieren
Ich weiß, daß du schon hinter der nächsten Ecke stehst
Ärger, du kannst mich nicht anschmieren
Ich weiß, daß du dir schon wieder Übles überlegst ...

was soll ich euch sagen, ich weiß, ihr ahnt es auch
Es ist bis heute nichts passiert,
Für mich der reinste Schlauch
Ich bin völlig in Panik und ich muß mich fragen
Wie lang kann mein Körper diesen Streß ertragen
Manchmal schrei ich „Mensch Ärger, komm raus“
Danach ist es dann wieder ganz still
Und dann summ ich ganz leise vor mich hin:
Ärger, du kannst mich nicht anschmieren ...

(Auszug;
                          Text und Musik: Stefan Stoppok64)

Die Ära Kohl machte nur noch Frostbeulen, und kulturell froren uns langsam die Glieder ab. Menschliches und gesellschaftliches „Gefriertrocknen" rundrum. In Folge wird politisch eine Umgehensweise mit Ausländern und Asylanten in Kauf genommen oder sogar toleriert und von uns eine wachsende Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz fassungslos mit angesehen. Die Musikerszene reagiert! Am 9. November 1992 starten zuerst Nick Nikitakis, Wolfgang Niedecken, Axel Büchel und weitere Kölner Musiker mit dem Konzert „Arsch huh – Zäng ussenander!“ auf dem Chlodwigplatz gegen Rassismus und Neonazis. „Wir müssen endlich aufhören, Angst zu haben. Denn wenn wir unsere Angst verlieren, hört auch das Schweigen auf.“ Der Satz von Rolf Lammers von LSE65 bringt es auf den Punkt. Genau das ist es. Schon Anfang der siebziger Jahre haben Ton Steine Scherben gesungen „... wir haben nichts zu verlieren, außer unserer Angst!“66

Genau einen Monat später, am 9. Dezember 1992 kommen die Essener „ausse Pötte“. Eine *Sternstunde, das Konzert auf dem Webermarkt mit Stormy Monday Band, Bam B.’s Revenge, Los Bollos, bis Stefan Stoppok, Herbert Knebel (mit Affentheater), Theater Missfits, Günther Semmler, Camaleo und vielen andere.67 Im Dezember und draußen, geht das? Und wie das geht! Trotz der Kälte kommt Wärme auf! Unsere Lieder, unsere Musik im Kohlenpott, da gibt es Leute vor Ort, Musiker, Rocksänger, Kabaretts und Gruppen, die bringen „es“ rüber von der Rampe (und auch „backstage“). Da geht dir „dat Herzken auf“. Das ist Leben, und das geht nach vorne, in Richtung Zukunft. Die Szene in Essen kommt zusammen und sagt sich: „Oh ja, das Schlimmste ist nun mal, wenn braune Scheiße überkocht. Ich kann es nicht verstehn’, und ich will es nicht mehr sehn’ ...“.68 Es geht um „Grundrechte bewahren, Rassismus bekämpfen, Flüchtlinge schützen“ im Ruhrgebiet und anderswo!

Sie sind alle da – die Szene westliches Ruhrgebiet ist fast komplett. Nicht nur „ohne Gage“, sondern „ohne Geld“ wurde das Konzert innerhalb von neun Tagen aus dem Boden gestampft, mit Bühne, Licht und Ton und kompletter Technik, alles professionell durchorganisiert und „ohne Kosten“. Selbst die Szenekneipen machten dicht, und das Personal zapfte „umsonst und draußen“. Ein Medienereignis: Radio NRW und der WDR beteiligten sich u. a. mit Live-Schaltungen und Sendebeiträgen zur Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Herbert Knebel mit Affentheater
(alias Uwe Lyko, früher "B 1") zieht seine Ruhrpott-Nummer ab -  mit der „Hilti“ und mit dem Kollegen „Mörtel“ aus dem Zyklus „Boh glaubse“69 , bis das Zwerchfell ausleiert. Da gehen die Lacher nicht auf Kosten der Schwächeren. Die Missfits sind auch da: Frauenkabarett aus dem Pott, hautnah dran am Leben und kein bißken zimperlich. Wenn die ihr „Wennze-meins-Lied“ in der Cover-Version von Cat Stevens’ „Father & Son“ singen, dann „waizze Bescheid, ährlich“:

Das Wennze-meins-Lied

Wennze meins, du hätt’s noch Zeit
Datte soviel Zeit vertun kanns
Bisse bekloppt, dat is nich wahr, du hasset eilig
Wennze tot bis, isset vorbei
Und vorm Sterben musse leben
Und dann musse au ma fragen, oppe happy ... bis
Gehse als erste, hasse Pech
Bleibste übber, is et irgendwie besser
Aber jammer nich rum, geh doch raus, hau auffe Kacke
Oft braucht et Zeit, bis datte weiß Watte willst, und wie de hinkommst
Bisse dann da, isset klar Isset besser als wie et war

Nur wer vögelt, kann auch fliegen
Über Berge, über Täler
Über Falten, Bäuche und die Wechseljahre
Geh zum Lachen nich in Keller
und Wennze weinst, dann aber richtig
Lass ma locker, lass ma gehn, sei ma happy

Wennze weiß, watte wills Musse machen, datte hinkomms
Kommse zu spät, isset vorbei, hattat Leben dich bestraft
Oft braucht et Zeit, bis datte weiß
Watte wills und wie de hinkommst
Bisse dann da, isset klar, isset besser als wie et war

(Text: Missfits, Musik: Cat Stevens, „Father and Son“;
                                                         gesungen von Missfits, Oberhausen70)

Und dann kommt Stefan Stoppok. Sein Beitrag zum „Pötte“-Konzert „Denk da lieber nochmal drüber nach",71 gemeinsam mit Danny Dziuk geschrieben, ist erst eine Stunde vorher fertig geworden – eine klare Absage an die Herrenrasse und die „Ratte des Jahrhunderts“ mit ihren jugendlichen Mitläufern und „baby skins“. Dann sitzt er da auf dem Stuhl, mit seiner E-Gitarre und Dziuk hinter ihm am Piano, und Stoppok singt, nein philosophiert laut vor sich hin, nölt herum, groovt los und erzählt dir mal eben, was dir noch fehlt.

Was dir noch fehlt
Du hast, was Du hast
Und Du hast noch was zu kriegen
Hast die Kids, hast die Katz hast den Wagen,
Du hast Platz
Die Flocken sitzen lose
Kriegst den Strom aus der Dose
Hast das Haus, hast den Garten
Deine Frau ist ein Schatz

Keine Schulden, Hypotheken, kein Kredit, der Dich quält
Und Du redest, und Du redest von dem, was Dir noch fehlt

Du hast den Trouble, hast den Streit, hast die Lust, hast die Last
Zum Babbeln hast Du Zeit
Und zwar dann, wenn’s Dir paßt
Was gespart, was gebaut Dich gepaart, Dich getraut
Was gewagt, was gewonnen
Und das hältst Du fest.
Kann kommen, was will, das gibst Du nicht mehr her
Und Du redest und redest, und Du willst immer mehr

Wir haben Gottes Segen und den sauren Regen
Wir ham das Böse und das Gute
Die dritte Welt unter der Knute
Nackt wie wir kamen, so haun wir wieder ab
Und wir reden, und jeder meint, er käm zu knapp

Wir ham die holländische Soße und den roten Libanesen
Wir ham die dänische Dogge und den türkischen Honig
Wir ham die spanische Wand und das französische Bett
Wir ham den indischen Seiltrick und den englischen Humor
Und das atlantische Tief im Wetterbericht
Nur die chinesische Weisheit, die ham wir leider nicht

(Text: B. Conrads, Musik: S. Stoppok,  72 gesungen von Stefan Stoppok)

Stefan hat noch Günni Semmler mitgebracht, den Rentner mit dem Akkordeon und seinem hinreißenden „Container-Song“. Camaleo mit Frontmann und Sänger „Bubi“ Scholz, der von der Essener Was tun-Band kommt, heizen mit einer „Abfahr-Musik“ die „Arena“ Webermarkt warm. Tom Mega liest aus „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon einen Auszug aus „Arrest und Dunkelhaft im KZ Buchenwald“. Pia Maria und viele mehr, ein Mammut-Programm von mittags 16 Uhr bis tief in die Nacht, sauber anmoderiert von Friedrich Küppersbusch und Andreas Kunze. Eine fast südländische Atmosphäre. Tausende von Leuten73 sitzen, stehen, singen mit und tanzen bis zum mitternächtlichen Finale – die ganze Bühne randvoll, alle drauf, mit dem Final-Song „Kommt ausse Pötte, es ist wieder soweit. Kommt ausse Pötte, wir sind über die Zeit ... laßt die Faschos nicht ran. Kommt ausse Pötte, sonst sind wir alle arm dran ...“. Eine *Sternstunde und ein Beispiel für Kälte überbrücken, näher zusammenrücken. Nicht nur rumstehen und warten, endlich etwas tun.

Also: in Bewegung bleiben. Sich Bewegungsfreiheit verschaffen und den anderen, den Schwächeren, gleich mit. Und das hat mit einem Selbstbewusstsein zu tun, mit einem Selbstverständnis als Musiker im Ruhrgebiet, Texte und Musik in einer Region und für die Menschen in der Region zu schreiben, Texte aus dem prallen Leben gegriffen und umgesetzt. Und das wirkt! Selbst wenn du von ganz unten kommst und sie dich auf der Straße als Ausländer, als „Kanaken“,74 erkennen und „allemachen“ wollen. „Allein machen sie dich ein ...“ haben auch die „Scherben“ in Berlin bei der „Rauchhaus“-Besetzung gesungen. Die Gruppe Kattong sang im Knast „Schenk’ mir deine Wut, ich kann sie gebrauchen ...“. Als ich die Rap-Gruppe aus Witten mit ihrem Stück „Wut“ zum erstenmal hörte, da wußte ich, es geht weiter: „Ich fühle mich umringt, eingeengt und allein, ziemlich verlassen, gewöhnlich und klein. Komm, mach mich an, damit ich mich wehren kann. Komm, schrei, ja, laß die Wut raus. Komm, schrei ...“75

Die Sons of Gastarbeita sind mein letztes Beispiel für
                                                               „Lieder in Bewegung im Ruhrgebiet“.
Weil sie beispielhaft sind. Eine Anti-Rassismus-Band, mittlerweile Stars in der Rap-Musik-Szene, sie lassen hoffen. Abwehrend hebt Gandy Chahine, Frontmann und Texter der Gruppe, bei einem Interview76 mit einer regionalen Zeitung die Hände: „Komm mir nicht mit multi-kulti“. Das ist ihm zu platt. „Unsere Eltern kommen aus dem Libanon, von den Philippinen und aus der Türkei, und Moritz und Frederik sind urdeutsch, unsere Gastarbeiter ... Aber Witten ist unsere Heimat. Wir gehören hier hin. Wir gehören nirgendwo anders hin! In uns steckt die deutsche Kultur von Kindesbeinen an.“

Mustafa, der Bassist, profitiert von seinen aufgeschlossenen Eltern und dem gleichberechtigten Nebeneinander der türkischen und deutschen Kultur und Sprache, mit der Basis Toleranz und Kommunikation als wichtigsten Instrumenten. Der Ruhrpott ist ihre Heimat. Hier entstehen ihre Texte, und hier bringen sie mit ihrer RapMusik auch Bewegung hinein. 1995 gründen sie mit anderen die Aktion „Rap für Courage“ und sind Schirmherren der Aktion „Schule ohne Rassismus“, für die auch das Lied „Wut“ geschrieben wurde.

Söhne der Gastarbeita

Die deutsche Wirtschaft begann zu expandieren
Und machte sich auf, ohne Zeit zu verlieren
Der Industrie die Kräfte zu besorgen
Für das Wirtschaftswunder von morgen
Man hatte seine Sorgen der Arbeitskräfte wegen
Der Wunsch nach mehr begann sich zu regen
Die deutschen Ärzte, eher ganz verwegen
Gaben den Gästen ihren Tauglichkeitssegen
Denn körperliche Arbeit war in Deutschland angesagt
Mann, jung und gesund, genau das war gefragt
Wer wagt, gewinnt, so lautet das Motto
Deine Reise nach Deutschland war ein Sechser im Lotto
In Wahrheit jedoch, man wußte es genauer
Die Deutschen waren schon immer etwas schlauer
War der Aufenthalt geplant von kurzer Dauer
Gesagt, getan, doch die Rechnung ging nicht auf
Und du fragst noch, wer wir sind?!
Wir sind die Söhne der Gastarbeita

Ich kommen nach Deutschland, viele Jahre her
Weil Leben in Heimat mir fallen schwer
Zuhause keine Arbeit, zuhause viel Not
Deutschland Paradies, mir geben Brot
Ich schwer Arbeit, schicken Geld zu Frau
Familie Geld brauchen, ich wissen genau
Kollegen nix freundlich, machen immer Streit:
Hau doch ab, Kanake, sonst mache ich dich breit!
Ich viel traurig, ich Deutsche nicht verstehen
Warum erst holen und jetzt sollen gehen?!
Das eine Geschichte von viele andere auch Paradies
Deutschland lösen auf in Rauch
Jetzt sind wird da, die Söhne der Gastarbeita!
Ich denke, allmählich gescheiter
Und ein Teil dieser Kultur pur
Sind wir nicht nur die Gäste im eigenen Land
Mit Verstand baut keiner auf Sand!
Wir leben hier soweit es geht
Wollen wir zurück? Ist doch viel zu spät!!!
Konkret gefragt: "Zurück wohin"
Mal ganz ehrlich, da fehlt mir der Sinn!
Ich bin, was ich bin
Ein Sohn dieser Region
Unabhängig von Tradition und Religion
In diesem Land gebildet, verkannt
Gemieden, anerkannt, das ist ja allerhand!
Mit dem Rücken zur Wand für kreativen Widerstand
Also frag’ nicht, wer wir sind!
Wir sind die Söhne der Gastarbeita .
                                                         
.. (Text und Musik: Sons of Gastarbeita                         77)

 

03 10 16 MasterAbend SOG klein

                                                         SOG - Sons of Gastarbeita

 Gandhi Frank Baier 2006 01 Ingo Nordhofen
SOG - Gandhi on stage  -  mit Frank  -

 

6. Nachgesang

Es ist in Bewegung geraten der Zug
Der nichts mehr hält
Der Sand unterm Haus
Tode auf Vorrat und Leben wie Spuk
Loten die Spielräume aus ...

(Auszug,
                   Text: Liselotte Rauner78, Musik: Frank Baier, unveröffentlicht)

Da, wo wir glauben, alles steht still und nichts geht mehr weiter, ist oft die meiste Bewegung drin. Und die Lieder unserer Region sind ein Teil dieses Lebens im Ruhrgebiet. Sie erzählen davon, was uns bewegt und nicht kalt läßt. Alles bewegt sich weiter. In den sechziger Jahren war Skiffle die Schubkarre für unsere Lieder auf der Straße bei den Ostermärschen gegen die Bombe. Heute transportieren die Sons of Gastarbeita ihre Texte gegen Fremdenhaß und Intoleranz, gegen die Unterdrückung Schwächerer und den täglichen Rassismus mit Rap. Als Mesut Çobançao Šglu und ich Mitte der achtziger Jahre mit dem Programm „Türkisch-deutsche Lieder“ weit über die Grenzen des Ruhrgebiets in der Republik tourten, war die Hoffnung ein wichtiger Motor für unsere – oft auch persönlich – schwierige interkulturelle Arbeit. Dabei haben sich zwei Lieder als die wichtigsten herausgestellt, als zwei Hoffnungs-Säulen: ein Text von Nazim Hikmet
„Laßt uns die Erde den Kindern übergeben, wenigstens für einen Tag ...79
und unser Lied:  "“Die Hoffnung leben“80.
Heute kann ich dieses Lied, nach einer langen Atempause, wieder in seiner ursprünglichen Version singen. Auch da war Bewegung drin, manchmal fließen Flüsse sogar den Berg hinauf.

Die Hoffnung leben

Das ist wie ein neues Leben
Ein neuer Anfang
Wie ein neues Lied
Und Hoffnung dazu
Kannst gerade du mir geben
Ja, und du auch
Und dann wär’n wir schon zu dritt

Die Hoffnung hat sehr viel mit dir zu tun
Was wär die Hoffnung nur für mich allein
Grad’ mit dir möcht ich die Hoffnung leben
Als bereits jetzt schon lebend tot zu sein.

Das heißt für dich und mich, sich neu entscheiden
Und gerade dazu fehlt mir noch der Mut
Und meine Angst davor, verletzt zu werden
Vielleicht von dir, ich weiß wie weh das tut

Ich möchte lernen, die Hoffnung leben
Gerade jetzt, grad’ deshalb und trotz alledem
Und endlich tun, statt nur davon zu reden
Weil "Nichts tun" bereits tödlich ist Nicht nur bequem!

Grad aus den Fehlern, auch den dummen, muß ich lernen
Mit sich zufrieden sein, ist wirklich Selbstbetrug
Wir hab’n zwar Bücher, unsere Lieder, unsere Freunde
Trotzdem, wir waren bis jetzt
Einfach noch nicht klar genug

Die Hoffnung leben heißt
Wie Kinder ungehorsam werden
Und mutig, doch mit viel, viel Phantasie
Laßt uns jetzt endlich von den Kindern lernen
Sonst schaffen wir es nie!
                                                                                (Text & Musik: Frank Baier, 1984   81)

 

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die Anmerkungen   1 -  2 -  3 -  4   
                                          zu  >   Leben  - Kämpfen .... - Ruhrgebiet

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